Flexible Response

Die bilanzielle Panikattacke, zu deren vorläufiger Beruhigung die Regierung Amerikas neulich in einer Stunde das Bruttoinlandsprodukt der Niederlande überwies, wird im hiesigen Fernsehen kulturindustriell nachbearbeitet und eingehegt. Im einen Kanal an die Diskutantentheke darf nun wieder Sahra W., die, seit Jahren mit einem Mandat im supranationalen Phantomparlament sediert, in Deutschland immer noch als personifizierte Bolschewismusdrohung angeht. Das gefälligste Antlitz verkürzter Kapitalismuskritik hat zwanzig Minuten Zeit, die Ansprache realpolitischer Notwendigkeiten, die, aus ihrer Lage gesehen, mindestens den Vornamen Europa tragen müssten, zu vermeiden. Sie weiss, dass alles jenseits von drei Prozent erhöhter Körperschaftsteuer Verständnis und Geduld eines Publikums überdehnen würde, dessen ideologischen Code Ludwig Erhard und Heinz Kluncker geflochten haben. Im anderen Kanal, als schon aus unruhigen Träumen der Nikkei erwacht und nachdem Philosoph und Wirtschaftsbuchpreisträger 2005 der Financial Times Deutschland Peter S. uns an seiner Wonne hat teilhaben lassen, dass er die einzige Metapher der marktwirtschaftlichen Schule im verschlungenen Auftaktstatement des Gastes zu erhaschen vermochte, versuchen sich zwei Professoren an der kulturanthropologischen Sicht auf das Problem, dass Oma Yilmaz in sechs Monaten vielleicht, wenn die Kapitalmarktseismik freiheitlichen Vollzug hätte, Heizung und warmem Essen endgültig Adieu sagen müssen könnte.

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# Feind seiner eigenen Vergangenheit # Zu Panik besteht kein Anlass # Lance Armstrong fährt für Astana # Polens Kastrationspläne # Google is turning 10: see how we’re celebrating # Die Kopfnoten stehen nicht am Kopf des Zeugnisses, sondern an dessen Ende # Brad Pitt und Angelina Jolie sind in der Stadt. Aber wo stecken sie? # Nach einer Woche hat Knut seinen Pfleger vergessen # Wenn Ideologien sterben, wird die Konjunktur beerdigt # die Mär vom Flüssigkeitsräuber, Blutdrucktreiber und Diabetesförderer

Täter- oder Opferfilm?

Sie habe ihren Sohn gemahnt, dass es für ihn an der Zeit sei zu entscheiden, in welcher dieser Versionen er sein Leben ablaufen lassen wolle.

Projektenmacher

Aufgabe: Drehen Sie dem Rat einer ostdeutschen Kleinstadt die Idee einer bis zu 600 Meter hohen Pyramide aus Urnen an.

Argumentationshilfen: »Kunst«, »Tradition«, »Wirtschaft«, »Arbeitsplätze«, »Globalität«.

Dilemmata führender Karrierejuristen kamen wieder nicht vor

Der Hans-Jochen Vogel habe sich bei Aust beschwert, dass in Eichingers HitlerRAF-Schinken die Vertreter der Staatsgewalt alle so schlecht wegkämen und als entweder bösartig oder dämlich dargestellt würden. Leider habe der Vogel nicht klar gesagt, ob seine Beschwerde sich auf der dokumentarischen oder auf der geschichtspolitischen Ebene bewegt.

Gehege

In einem von vier Journalisten recherchierten Nachruf in der Berliner Zeitung auf diesen Eisbärenhüter vom letzten Jahr heisst es, er sei kein “Mittelpunkt-Mensch” gewesen. Man will damit wohl sagen, es habe ihn nicht zu jenen trostlosen Orten gedrängt, die häufig entstehen, wo das menschliche Vorstellungsvermögen mit publizistischen Verwertungsketten geprügelt wird.

Tamara Jenkins: The Savages (2007)

Der Mann Anfang Vierzig, Literaturdozent in befristeter Anstellung an einer Hochschule, die keinen Namen hat. Der an einem Buch arbeitet, für das es möglicherweise einen Verlag, aber in dieser Welt keine Nachfrage geben wird. Der seine Lebensgefährtin, als ihr Visum abläuft, nicht durch Eheschliessung vor der Ausreise bewahren mag, sondern sie am gesetzten Termin zum Flugzeug nach Polen bringt. Die jüngere, auch nicht mehr junge Schwester, deren Stücke in keinem Theater gespielt werden. Die sich die Behauptung angewöhnt, sie beziehe von der Kulturstiftung ein Stipendium, nachdem sie sich acht Mal vergeblich darum beworben hat. Die ihren New Yorker Lebensunterhalt durch Zeitarbeit im Cubicle verdient. Die lustlos mit dem verheirateten Nachbarn Anfang Fünfzig schläft, wenn er beim Spaziergang mit dem hüftkranken Hund auf die Idee kommt, bei ihr zu klingeln. Der Vater der beiden Geschwister, senil geworden, zu dem sie in ihrer Kindheit keine Beziehung und seit langem keinen Kontakt mehr hatten. Der bei seiner Lebensgefährtin zur Untermiete wohnt, im Apartment in der Rentner-Siedlung in Arizona, wo es sauber ist und aufgeräumt und vielfältige Rentner-Animation gibt. Der, als die Freundin gestorben ist, von ihren Kindern hinausgeworfen wird, weil ein Apartment in der Rentner-Siedlung einen Preis hat.

Die Wiederannäherung der drei Figuren denunziert der Film nicht als hysterische Katastrophe verzärtelter Mittelschichtler und damit als humorverbrämte Wiederinkraftsetzung von family values und dergleichen aufgeschäumte bürgerliche Ideologie. Jenkins, assistiert von Hoffman/Linney, denen das leichtgeht, entwickelt die vorübergehende Familienzusammenführung zum Tode als das, was sie in unseren an Aus-Bildungsopportunitäten, Erwerbsokkasionen und Mobilitäten so reichen Gesellschaften oft sein muss: Als den mühsamen Versuch, in einem geriatrischen Zwangsverhältnis von nicht exakt bestimmbarer Dauer miteinander sich einzurichten und dabei weder das Gesicht noch zuviel Geld zu verlieren. Bestenfalls auch, einander dabei zu helfen, Besitz und Gesicht zu wahren. This is not the time to regress. Den Vater zu versorgen, wird als ebenso unvermeidlich angenommen wie die Beherrschbarkeit des Kostensatzes, also wird er in einem Pflegeheim der Marseille-Klasse untergebracht. Dort erhört er dann bald den Ruf des erzählökonomischen Realismus und schläft, wie es heisst, friedlich ein. Ein kurzer Epilog weist voraus auf ein Wiedersehen des Bruders mit seiner ausgereisten Freundin und konstatiert ein schriftstellerisches Erfolgserlebnis der Schwester, aber derart vorläufig, dass es als rosiges Finale nicht verstanden werden kann, nur als weniger unglückliches Fortschreiten auf dem Weg des langsamen Scheiterns, das unser Leben ist.

Wenn dereinst Körperlichkeit, Geschlecht, Eigentum und andere Hemmnisse menschlicher Entfaltung ihre Bedeutung verloren haben mögen, könnte dieser Film über die unzivilisierten Wilden zum Quellenmaterial einer Geschichte der fortgeschrittenen Mangelgesellschaft genommen werden. [i]