2012.005

# Roger Ebert nimmt Werner Herzogs “Into the Abyss” zum Anlass für ein Plädoyer gegen den Justizmord: “Nobody has the right to take another life” (präzisiere: Innerhalb der eigenen Landesgrenzen).

# Etwa auch Rainer Brüderle und Birgit “Attacke” Homburger im Rundfunkbericht über den FDP-Parteitag in Deutsch-Südwest hörend, war man wieder unmittelbar überzeugt, dass es nicht mehr lang dauern konnte, bis das Ancien Régime der Gegenwart in Agonie überginge.

In den 30 Jahren, die seit dem Verschwinden Brezhnevs aus der Öffentlichkeit vergangen waren, hatte die Privateigentums-Demokratie auch in den privilegierteren Weltzonen zum Normalvollzug zurückgefunden. Die Systemkonkurrenz niedergerüstet und alle Kritik jenseits sozialdemokratischer Mitleidsappelle delegitimiert. Produktion, Distribution und Kapitalzirkulation mithilfe der vernetzten EDV einer (beinahe) alles durchgreifenden Perestrojka globalen Ausmaßes unterzogen. Dies flankiert von einer immer gewaltigeren Manipulationsmaschinerie, die den Leuten die absurdesten Behauptungen als gelehrte Weisheiten ins Bewußtsein pumpen, vor allem aber, durch Distinktionsangebote in zuvor ungekannter Fülle, kognitive Dissonanzen jeden Tag aufs Neue stillstellen und ankommendes Unbehagen millionenfach wegmachen konnte.

Wer, weil er gelegentlich zu klug, zu fein oder zu müde sich fühlte, der Maschinerie auszuweichen versuchte, den erreichte ihr Ausstoß am Ende doch als Applikation für den Jackentaschen-Peilsender, als Update-Gebot der eigenen Blogsoftware, durch das U-Bahn-Fernsehen (Vgl. Propaganda-Lautsprecher in der DDR) oder eine der funktechnisch massenhaft ausgesendeten Idiosynkrasie-Kurzmitteilungen.

So war es dahingegangen einige Dekaden, mit gelegentlichen Einbrüchen hier und dort, die Vorschau boten auf größere Krisen. Eine Zeitlang hatte man ganz profan die vorletzte Jahrhundertwende tätig-tötend imitiert und, mal mehr, mal weniger verschleiert, Kanonenboot-Claims auf Öl- und Rohstoffvorkommen markiert, dabei häufiger White Man’s (Islamic) Burden nachdichtend. Zonen begrenzter Staatlichkeit.

Nun schien das letzte Kapitel, die letzten 50 oder 100 Jahre, angefangen zu haben. Während in den privilegierten Weltzonen alle so weiterzumachen versuchten wie immer, verdunkelte sich schon der Horizont. Die Manipulationsmaschinerie kam nicht mehr nach. Man begann zu ahnen, der (relative) Wohlstand würde enden, den meisten heute Jüngeren würde es bald schlecht ergehen wie sonst überall, und wenn nicht zuvor auch hier alles in Verwahrlosung und roher Alltagsgewalt zerfiele, wäre mindestens ein entsetzlicher Krieg, die finale Krisenbewältigungsstrategie, auf dem Programm. Woran die Leute noch glaubten, war der Wetterbericht für den folgenden Tag, und dass es eine gute Idee sein könnte, einen großen Vorratskeller zu haben und über ein Gemüsebeet verfügen zu können.

Das Ancien Régime bestand in seiner Erscheinung und in seinen Ausdrucksformen noch fort. Die gelehrten Weisheiten aber klangen immer öfter wie die absurden Behauptungen, die sie immer gewesen waren, und das Gebaren der Repräsentanten und Inhaber bedeutenderer Posten, die mit den erprobten Eitelkeiten, Lügen und Bestechlichkeiten einfach weitermachten (Transparenz. Aufschwung. Attacke. Deutschland!) – erschien bereits wie ein Theater voller Narren, deren Darbietungen immer weniger zuzuschauen bereit waren.

2012.002

# Literarische Entdeckung 2011 (@ Jahresrückblicksscheiß): Willem Elsschots Käse, überraschend gegenwärtige Satire auf die kleinunternehmerische Subjektivität.

# Neuartige Stressoren: Hartnäckige Captcha-Fenster.

# Die Zeitgeist-Gebläse wehen die stinkenden Schwaden popkultureller Beliebigkeit noch in die entlegenste Privatbibliothek. Köllerer bespricht The Wire und droht: Wenn das Fernsehen so weitermacht, entsteht hier eine neue Hochkultur-Sparte!

# Das Strafgesetzbuch weiß auch noch zu überraschen: § 90 Verunglimpfung des Bundespräsidenten. Strafverfolgung nur mit Ermächtigung desselben. In einem Staatswesen, das sich solche Paragraphen hält, muss man sich auch ausmalen können, wie der Insasse von Bellevue in der Kochstr. anruft und mit Ermächtigung droht. Nachdem ihm gesteckt worden war, dass sie was leaken wollen. Dabei, mag er sich denken, sind das doch nur Kleinigkeiten, die sie ihm vorhalten. Verglichen. Und: Haben die ihm denn die Abschaffung des Blindengelds schon vergessen?

So, wie die Deutschen üblicherweise ticken – Florida-Rolf soll arbeiten gehen! – müssten sie ihm für jeden Tausender, den er bei dem Bauspardeal gespart hat, ein zusätzliches Jahr als Nummer Eins an den Hals wünschen. Die Bezüge laufen eh weiter bis Ultimo. Also: Lebenslängliches Protokoll-Elend im drittklassigen Schlösschen, mit Kinderchören, korrupten Diplomaten, gedopten Sportskanonen, mit 150 gelangweilten Karrierebeamten und ab und zu einem Auslandstermin mit Dauerlächeln.

Aber: Bei ihrem Führungspersonal sind die Deutschen moralisch. Sie lassen sich die gröbsten Frechheiten auftischen: Restlöhne, Rentenkürzung, Riesterbeschiss, RTL usw. usf. Für 8-9 aus 10. Wenn einer wichtig da hingestellt wird und ihnen erzählt, die Gastarbeiterkinder sind schuld, oder zweihunderttausend Rentner in Griechenland. Dann schlucken die Deutschen das. Solange der Kellner sturmfest und erdverwachsen aus der Wäsche guckt. Nichts lieber haben sie, nach Führung lechzend, als dass ihnen einer mit sturmbannführerkühlem Pathos erklärt, warum für den (voraussichtlich: eher kurzfristigen) Fortgang der Akkumulation jetzt die Kassen, für 8-9 von 10, noch leerer werden müssen. Nicht: Weil sonst die Renditeerwartungen des Großkapitals nicht mehr einkommen. Nicht: Weil wir die Handshakes unserer Atom-, Rüstungs-, Pharma- und Hormonfleischindustrie, wo wir später in den Aufsichtsräten Platz nehmen wollen, erwidern möchten, wie es sich unter zivilisierten Menschen gehört. Auch nicht: Weil wir sonst die C4-Zweitgehälter unserer Neoklassik-Fernsehexperten nicht mehr auszahlen könnten. Sondern: Weil es Deutschland stärker macht. Beziehungsweise: Zukunftsfähig. Das wollen die Deutschen erklärt bekommen von einem, und sie möchten liebend gern glauben, dass der das Märchen, das er erzählt, selber geschrieben haben könnte.

Dass der ehemalige SU-Vorsitzende von Osnabrück diese Rolle nicht mehr spielen soll, ist klar, warum, ist nicht genau bekannt. Wie und weshalb er den Job noch hat, oder besser nicht mehr hätte, das erklärt Ihnen dann Michael Spreng. Einstweilen ruft es aus dem Schleim, der sich Medienlandschaft nennt, empört: Pressfreiheit! Gemeint sind: Die Erfinder von Florida-Rolf. Lesen Sie dort demnächst auch wieder, wie Jogis Jungs den Italienern auf die Nudel geben mögen.

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Verbindung zu den „Ehemaligen“


Screenshot: “Alumni”-Seite der Universität (zu) Bayreuth, 22.02.2011

Screenshot: “Alumni”-Seite der Universität (zu) Bayreuth, 28.02.2011

Besorgt stellen wir fest

Deutsche Wissenschaftskultur. Es werde nun sogar per Krautsourcing erforscht, ob und wo der Minister abgeschrieben und darin die Zitiermoral herabgesetzt habe. Hingegen sein fürsorgend bekennendes Dienstverhältnis zu einer Bande bezahlter Totschläger (eine Fussnote im Staatshaushalt) das gesellschaftliche Ansehen des Zu-Manns heraufsetze.

Wie die Geschichte erzählt wird

Guttenberg ehrte Ronald Reagan als “großen Visionär und Realisten der Freiheit”.

“Die Taliban machen anders als früher auch keinen Winterschlaf mehr.” [Q]