Online-Seyn

Vom Abwasch nicht zu reden. Doch wieviele Bücher er hätte lesen können in der ganzen Zeit. Er aber sass wieder nur da und klickte auf die Reload-Taste seines Browsers. Antville sei verflucht!, stieg es in ihm empor. Schlimmer noch: Keiner seiner Lieblinge war aufgefrischt worden in den letzten sechs Minuten. Was war los? Ein Spätfilm-Klassiker auf 3Sat? Aber Knoerer hatte doch gar nichts erwähnt. Oder waren alle wieder bei malorama und kommentierten einander zu?
Er öffnete ein neues Fenster, suchte in seinen Bookmarks. Nichts Neues auch in Köln. Vielleicht war auf dem Emailkonto inzwischen Bewegung gewesen? Den Spam der letzten zwei Stunden zu löschen, versprach oft doch noch mehr Genugtuung als die Lektüre von Saunabibers Abenteuern und das Ansehen von Arschsackphotos aus den Konsumzonen westdeutscher Mittelstädte.
Ja, er weigerte sich vorerst noch, die massenhafte bemühte Ironisierung des alltäglichen Zugerichtetseins als die eigentliche, die Ventilfunktion des Netzes zu akzeptieren. Er war so einer, der glaubte oder doch glauben wollte, dass knarziges Kommentieren der gerade umläufigen Politzynismen, eine seiner unbeholfenen kleinen Abhandlungen oder wenigstens ein neckischer Link! auf ein elegantes Pamphlet die Welt weiter brachten als Haustieresoterik. Waren nicht die, die seines lasen und gelegentlich zustimmend kommentierten oder einen Link! zu ihm setzten, ebensogut wie die ganze Welt? Ein paar, die klug und irgendwie gleichen Sinnes schienen, war das nichts? Eine Öffentlichkeit, doo!, unmittelbar, unzensiert und unkommerziell, denkt man. Gäbe es das Netz nicht schon, man müsste es erfinden. So las er noch hier und da.
Las es, wie er die Flugblätter am 1. Mai las. Revolution, Widerstand, Autonomie. Schön, wenn das mal wieder jemand sagte. Wäre nicht, wenn alle Revolution sagten und, noch besser, in ihre Weblogs hineinschrieben, sofort Revolution? Revolution wohin, das liesse sich schon noch klären, man würde eben eine Kommission einsetzen. Oder einen Poll aufziehen, schliesslich war Onlinedemokratie, ach. Ein bisschen Spass muss sein. Auch.
Von Zeit zu Zeit aber misstraute er – haha, lachte dann der innere Saunabiber – der neuartigen Freiheit. War es nicht der perfekte Selbstbetrug? Er stellte sich manchmal vor, tausend latente Revolutionäre zahlten fünfzig Euro monatlich an einen der Telekommunikationsoligopolisten, um für ihresgleichen täglich dreimal eine Schwundform dessen abzusetzen, was man früher Leserbrief genannt hatte. Es war, als zirkulierten täglich zehntausend Leserbriefe, ohne jemals gedruckt zu werden. Niemand verlangte auch, dass sie gedruckt werden sollten, denn die Leserbriefschreiber waren sich selbst die Öffentlichkeit. Nicht, dass Leserbriefe jemals irgendetwas bewirkt hätten.
Kein Oligopol aber konnte sich mit Leserbriefen die Taschen füllen. Pragmatisch betrachtet, resümierte er in solchen Augenblicken, verhielt er sich perfekt affirmativ. Reglos zuhause sitzen, Schubladen voller Leserbriefe schreiben und zur Monatsmitte fünfzig Euro dafür zahlen. Abend für Abend RTL zu gucken und alle vier Jahre vom Stimmrecht Gebrauch zu machen, wie es hiess, wäre zwar auch nicht aufrührerischer, dafür aber weniger anstrengend. Es war gespenstisch. Er wollte sofort aussteigen, alles löschen, nie wieder eines der anderen unfreiwilligen Affirmationsprotokolle ansehen müssen. Der ganze Betrieb ein Abiturientenchat, er musste da raus, irgendetwas tun, das SINN! versprach.
Am nächsten Tag beschloss er, sich endgültig aus der Szene zurückzuziehen, und löschte rasch sein Weblog, solange ihm dessen unbeholfener Titel vollständig peinlich war. Hier und da würde man seinen Rückzug bedauernd kommentieren. Eine angenehme Aussicht, fand er, und schämte sich dabei ein bisschen vor sich selbst.
Danach hatte er Zeit, sich mit den neuesten Versionen der Filesharing-Software zu beschäftigen. Filesharing!, dachte er: einer der schönsten Euphemismen der Jahrhundertwende. Ihm fiel wieder ein, dass er in seinem Weblog die unglaublich dreisten Behauptungen mancher User! anlässlich des “Todes” – manche schrieben das wirklich – von Audiogalaxy verspotten hatte wollen, der Gebrauch dieser Applikation habe ihren musikalischen Horizont beträchtlich erweitert und sie dazu ermuntert, Unsummen für neue CDs auszugeben. Wie ein Schüler, der während der Klassenarbeit mit einem Spickzettel erwischt wird und vorgibt, er habe sich nur nachträglich von der Richtigkeit seiner Lösungen überzeugen wollen.
Er fragte sich, wer überhaupt noch CDs kaufte. Er kannte einen, der war immer noch auf Vinyl, der konnte nicht anders als Geld hinzulegen für die Musik, sonst aber wurde nur noch gekauft, weil selbstgebrannte CDs als Geschenk den meisten noch peinlich waren. Dabei hatte gerade das Stil, fand er. Lag nicht im Widerstand gegen die Copyrightdiktatur überhaupt die revolutionäre Potenz des Netzes? Pragmatisch betrachtet? Er hätte gern in seinem Weblog darüber gemutmasst. Zu spät.
Weil er aber nicht abseits stehen und der Bewegung etwas zurückgeben wollte, lud er eine selten gewordene Datei in den Share-Ordner. Er wartete, bis der Bildschirmschoner erschien, nahm ein Buch und machte es sich bequem. Das war ein Anfang. Darüber müsste man etwas schreiben, dachte er.

Adrian Lyne: Indecent Proposal (1993)

Ein Film, in dem Robert Redford Demi Moore für 1 Mio. USD aus ihrer Ehe mit Woody Harrelson herauskaufen will. Als Zuschauer denkt man jetzt, okay, Demi hat sowieso nichts dagegen, also ab dafür, Redford ist definitiv der hübschere Typ, nebenbei Milliardär, und Woody kann die Knete gut gebrauchen, um sein Traumhaus am Pazifikstrande fertigzubauen.

Er ist nämlich ein arbeitsloser Architekt, und ein begabter dazu. In einer Szene ziemlich am Anfang sieht man ihn im Klo sitzen: mit einer Hand zeichnet er sein Traumhaus, mit der anderen knetet er die linke Brust von Demi. Also total begabt und inspiriert, sagt die Szene, und dass die beiden komplett miteinander harmonieren.

Meine Oma hingegen sagte immer: Wenn das Geld weg ist, fliegt die Liebe zum Fenster hinaus. Und so kommt es dann auch fast. Die Baukonjunktur geht in den Keller, der junge Architekt und seine Frau, die Immobilienmaklerin, verlieren ihre Jobs, die Bank kündigt den Dispo und das junge Glück gerät ins Schlingern. Man lässt für ein paar Tage den Hund allein, der trotzdem nicht verhungert, und fährt nach Vegas. Dort trifft man aber nicht den nackten Reichtum, sondern bloss Robert Redford, den Milliardär mit Charisma, exzellenten Umgangsformen und dem schon erwähnten attraktiven Lösungsvorschlag. Davon abgesehen, dass im wirklichen Leben nicht Robert Redford eine Million USD, sondern ein adipöser Fleischermeister aus Erkrath zweihundert EUR anbieten würde, könnte der Film hier zuende sein.

Aber hallo, dies ist ein Adrian Lyne-Produkt, und deshalb kommen jetzt noch achtzig Minuten, in denen mit viel Weichzeichner Demi Moore-Fotos zerrissen, Nilpferdpatenschaften versteigert und mit lustigen Handlungsumschwüngen die guten von den schlechten Fetischen zentrifugiert werden. Ein Traumhaus am Pazifik ist als Architektenfetisch okay, Demi Moore als Milliardärsfetisch ist nicht okay. Das sieht Robert Redford schliesslich ein und schickt sie zu Woody zurück, obwohl alle drei es in der neuen Konstellation gerade ganz gemütlich finden. Demi und Woody sind natürlich trotzdem sofort wieder Feuer und Flamme füreinander. Die ächte Heteroliebe, die keiner Voraussetzungen bedarf, hat sich gegen alle Anfechtungen behauptet, die Mission ist erfüllt.