2012.006

Hier und da durchaus anzutreffen ist die Auseinandersetzung mit Ideologie und sozialen Folgen des rassistischen (vorwiegend antimuslimisch imprägnierten) deutschen Mainstreams. Am öffentlichen Auftreten desselben, von regierungsamtlichen Verlautbarungen bis hin zu Kommentaren im Internet, ist ohnehin kein Mangel, er wird jedoch selten am konkreten Fall gut verständlich rekonstruiert. Was es weniger zu geben scheint, ist die Dokumentation der Erscheinungsformen dieses Mainstreams in alltäglichen Interaktionen. Entlang der Frage: Wie wird ein beständig mitgeführtes Deutungsmuster, das es zum Beispiel gestattet, manche Menschen (qua konstruierter Gruppenzugehörigkeit) als minderwertig, lästig, bedrohlich usw. wahrzunehmen, situativ in Gesten, Handlungen und Sprache übertragen. Da läse man vielleicht Berichte wie den folgenden von B.:

Es ist der 8. März, Weltfrauentag, vor ein paar Jahren. In einem Schöneberger Supermarkt bekommt jede Kundin hinter der Kasse eine Schnittblume geschenkt. Als B. ihren Einkauf bezahlt hat und mit der Blume dran wäre, zögert die Beauftragte zuerst. Schließlich gibt sie B. eine Blume in die ausgestreckte Hand. Dazu stellt sie jedoch eine Frage, die sie der Kundin davor nicht gestellt hat: Ob B. denn eigentlich wisse, weswegen sie die Blume bekomme…

B. gelingt, was bei vergleichbaren Anlässen – wie sie bedauert – oft nicht parat ist. Eine schlagfertige Antwort, die die – ihr häufig begegnende – Antizipation widerspiegelt, sie wäre eine gesellschaftlich-politisch ahnungslose Frau mit reduziertem sprachlichen Vermögen. Zugleich karikiert die Antwort die in der Frauentags-Blumengabe enthaltene Universalitäts-Behauptung, deren Leere die Angestellte mit ihrem willkürlich exkludierenden, herabsetzenden Verhalten soeben nachdrücklich bewiesen hat: “Du F*tze – ich F*tze!”


 
 
 

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