2012.002

# Literarische Entdeckung 2011 (@ Jahresrückblicksscheiß): Willem Elsschots Käse, überraschend gegenwärtige Satire auf die kleinunternehmerische Subjektivität.

# Neuartige Stressoren: Hartnäckige Captcha-Fenster.

# Die Zeitgeist-Gebläse wehen die stinkenden Schwaden popkultureller Beliebigkeit noch in die entlegenste Privatbibliothek. Köllerer bespricht The Wire und droht: Wenn das Fernsehen so weitermacht, entsteht hier eine neue Hochkultur-Sparte!

# Das Strafgesetzbuch weiß auch noch zu überraschen: § 90 Verunglimpfung des Bundespräsidenten. Strafverfolgung nur mit Ermächtigung desselben. In einem Staatswesen, das sich solche Paragraphen hält, muss man sich auch ausmalen können, wie der Insasse von Bellevue in der Kochstr. anruft und mit Ermächtigung droht. Nachdem ihm gesteckt worden war, dass sie was leaken wollen. Dabei, mag er sich denken, sind das doch nur Kleinigkeiten, die sie ihm vorhalten. Verglichen. Und: Haben die ihm denn die Abschaffung des Blindengelds schon vergessen?

So, wie die Deutschen üblicherweise ticken – Florida-Rolf soll arbeiten gehen! – müssten sie ihm für jeden Tausender, den er bei dem Bauspardeal gespart hat, ein zusätzliches Jahr als Nummer Eins an den Hals wünschen. Die Bezüge laufen eh weiter bis Ultimo. Also: Lebenslängliches Protokoll-Elend im drittklassigen Schlösschen, mit Kinderchören, korrupten Diplomaten, gedopten Sportskanonen, mit 150 gelangweilten Karrierebeamten und ab und zu einem Auslandstermin mit Dauerlächeln.

Aber: Bei ihrem Führungspersonal sind die Deutschen moralisch. Sie lassen sich die gröbsten Frechheiten auftischen: Restlöhne, Rentenkürzung, Riesterbeschiss, RTL usw. usf. Für 8-9 aus 10. Wenn einer wichtig da hingestellt wird und ihnen erzählt, die Gastarbeiterkinder sind schuld, oder zweihunderttausend Rentner in Griechenland. Dann schlucken die Deutschen das. Solange der Kellner sturmfest und erdverwachsen aus der Wäsche guckt. Nichts lieber haben sie, nach Führung lechzend, als dass ihnen einer mit sturmbannführerkühlem Pathos erklärt, warum für den (voraussichtlich: eher kurzfristigen) Fortgang der Akkumulation jetzt die Kassen, für 8-9 von 10, noch leerer werden müssen. Nicht: Weil sonst die Renditeerwartungen des Großkapitals nicht mehr einkommen. Nicht: Weil wir die Handshakes unserer Atom-, Rüstungs-, Pharma- und Hormonfleischindustrie, wo wir später in den Aufsichtsräten Platz nehmen wollen, erwidern möchten, wie es sich unter zivilisierten Menschen gehört. Auch nicht: Weil wir sonst die C4-Zweitgehälter unserer Neoklassik-Fernsehexperten nicht mehr auszahlen könnten. Sondern: Weil es Deutschland stärker macht. Beziehungsweise: Zukunftsfähig. Das wollen die Deutschen erklärt bekommen von einem, und sie möchten liebend gern glauben, dass der das Märchen, das er erzählt, selber geschrieben haben könnte.

Dass der ehemalige SU-Vorsitzende von Osnabrück diese Rolle nicht mehr spielen soll, ist klar, warum, ist nicht genau bekannt. Wie und weshalb er den Job noch hat, oder besser nicht mehr hätte, das erklärt Ihnen dann Michael Spreng. Einstweilen ruft es aus dem Schleim, der sich Medienlandschaft nennt, empört: Pressfreiheit! Gemeint sind: Die Erfinder von Florida-Rolf. Lesen Sie dort demnächst auch wieder, wie Jogis Jungs den Italienern auf die Nudel geben mögen.


 
 
 

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