Don’t spend it all in one place

In der Zeit, die du zum Reindrehen einer Energiesparlampe brauchst, stellt dein Supermarkt zwanzig Flaschen chilenischen Rotweins ins Regal, steigen in Westasien drei Jagdbomber deiner Regierung zu einem Einsatz auf, haben fünf chinesische Wanderarbeiter tödliche Unfälle, klettert in einem Ort in Afrika die HIV-Rate über vierzig Prozent, bestätigt ein Bauer den Erhalt von zwanzig Zentnern patentiertem Saatgut, wird im Backofen deine Tiefkühlpizza mit Zutaten aus sechs verschiedenen Ländern noch ein wenig knuspriger, autorisiert Peymann drei Interviews darüber, dass drei Viertel der Menschheit so denken wie Christian Klar. Deshalb ist es nur zu verständlich, dass die Pfarrerstochter und der religiöseste Premierminister seit William Ewart Gladstone mit ganzem Herzen dabei sind bei diesem Ablassdiskurs um bessere Dienstwagen für sich, bessere Glühbirnen für dich und den Atommüll für die anderen drei Viertel: »In the end I don’t care where the carbon reduction comes from. It’s about the public interest and the market finding it.«


 
 
 

8 Kommentare zu “Don’t spend it all in one place”

  1. spalanzani
    16.03.2007 um 13:54 Uhr

    Einfache Frage: Wem gilt Ihr Vorwurf?

  2. Wörterberg
    16.03.2007 um 17:39 Uhr

    Welcher?

  3. spalanzani
    17.03.2007 um 03:39 Uhr

    Wenn Sie erlauben: Der, von dem ich Ihnen unterstelle, daß Sie ihn verhehlen hinter den Erwähnungen.

  4. Wörterberg
    17.03.2007 um 20:30 Uhr

    Erwähnungen? Du machst es mir nicht leicht. Also gut, wenn ein Vorwurf gebraucht wird: An die zur Gesellschaftsform geronnene Unzulänglichkeit des Menschen gegenüber seinen technischen Hervorbringungen?

  5. spalanzani
    18.03.2007 um 14:57 Uhr

    Ein Vorwurf wird nicht gebraucht. Eine Haltung dagegen möglicherweise schon, und “Vorwurf” schien mir der beste Kandidat.

    Du bist ein wenig ungerecht, glaube ich. Vielleicht ist es nicht so schlimm mit der systematischen Unzulänglichkeit. Es dauert zwar etwas, aber der Kapitalismus begreift gerade seine Bedrohtheit, und man darf seinen Überlebenswillen nie unterschätzen.

    Und natürlich: Märkte und Kernspaltung. Die kleineren Übel, wo man nicht verbieten kann und wo man sonst noch nichts hat. (CO2 ist nicht FCKW, Fusion ist noch nicht fertig.) Und kein Instrument außer der Verteuerung von böser Energie wird dazu führen, daß lokal auf den Einsatz von guter Energie hin optimiert wird.

    Kein Sündendiskurs und kein Verbot von Standby-Modi, Pizza und Tempo 180 wird das regeln. Der Preis wird es regeln.

  6. Wörterberg
    19.03.2007 um 00:06 Uhr

    Leider kann ich mit dem 1995er Verbrauchermagazin-Liberalismus immer noch nichts anfangen, solange eben auch tote Wanderarbeiter, AIDS-Waisen, Opfer des Rohstoff-Imps und viele, viele andere Elende und Erschlagene eingepreist sind. Dass der Preis es regeln wird und nicht die Regeln, das fürchte ich allerdings.

  7. spalanzani
    19.03.2007 um 00:31 Uhr

    Nicht schimpfen.

    Ich versuche nur herauszufinden, ob Du eine unbezweifelbare moralische Unzulänglichkeit mit einer praktischen zusammenrührst, nach dem Muster: Wer HIV nicht bekämpft, also böse ist, wird auch beim Klima versagen, weil das zu schaffen etwas Gutes wäre — oder ob Du implizierst, daß eine massive Reduktion von CO2-Emissionen auf dem Rücken chinesischer Wanderarbeiter ausgetragen werden wird.

  8. Wörterberg
    19.03.2007 um 11:16 Uhr

    Dazu habe ich nur die Beobachtung, dass die Aufspaltung in moralische und pragmatische Betrachtungsweisen – sozusagen arbeitsteilig – eine Wesensbedingung unserer Gesellschaftsform ist, die ihren anscheinend hoffnungslos unterkomplexen Regulationsmechanismen korrespondiert. Ein Pharmakonzern, der keine HIV-Präparate verschenken möchte (und auch i.e.S. gar nicht könnte), ist ja deshalb ebenso wenig böse, wie ich dadurch gut würde, dass ich (oder ein chinesischer Wanderarbeiter mit einem Rückenleiden vor seinem tödlichen Unfall) das Nichtverschenken in meinem Marginalmedium bejammerte (welches ja auch nur zufälligerweise nicht unmittelbar auf Mehrwerterzielung angelegt ist).

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