Monatsarchiv für October 2007

 
 

Kulturfernsehen D oder Das Staunen des Maxim Biller

Gast #1:

»Der Deutsche ist geschichtsbewusst, diskursfähig, konsensfähig, sozial, es gibt hier sowas wie Nächstenliebe und es gibt Verantwortung. Und dieser Begriff ist in dieser Gesellschaft sehr wichtig – ich trage Verantwortung für mich selbst und ich lerne, für die Gesellschaft Verantwortung zu tragen. Das sind sehr wertvolle Werte für mich, die auch eine Gesellschaft ausmachen, und deshalb bin ich auch zuhause in diesem Land. Das ist das Positive. Das Negative, was ich beobachte, und deshalb bin ich sicherlich auch eingeladen: Dass diese Werte nicht selbstbewusst, und besonders gegenüber den Migranten, und besonders gegenüber diesen drei Millionen muslimischen Migranten, vertreten werden und auch verteidigt oder vermittelt werden. Warum nicht? Ich weiss es nicht. Ich verstehe es nicht, warum genau diese Werte, diese Tugenden zurückgehalten werden, mit dieser Bescheidenheit gegenüber Migranten aufgetreten wird, und immer mit diesem Schuldbewusstsein, eigentlich haben wir gegenüber den Migranten zu viel Schuldbewusstsein. Und was mich auch immer wieder negativ berührt, ist dieses ständige “Wir müssen jetzt nur noch gut sein, damit wir auch wirklich akzeptiert werden”, aber so, wie ich Herrn Biller gehört habe, reicht es nicht – sechzig Jahre Aufarbeitung reichen nicht, immer noch müssen die Deutschen sich entschuldigen und sagen, ja, wir haben grosse Last, wir tragen grosse Schuld auf unserem Rücken. Das geht aber so nicht, in so einem Land lebe ich nicht. Ich lebe hier in einer Gesellschaft, die sehr wohl eine Geschichtsaufarbeitung geleistet hat, von der ich nur lernen kann.«

Gast #2:

»Darf ich auf Frau Walser direkt antworten?«

[…] Dies wird nicht die letzte Provokation durch Gast #2 bleiben. Immer wieder versucht der “osteuropäisch-jüdische Kosmopolit” mit der “Tradition einer dreitausendjährigen Literarizität”, die gewissenhafte Selbstvergewisserung aus der Spur zu schubsen. Der naheliegenden Frage etwa, warum die ungebildeten anatolischen Bauern, die ja der türkische Staat in den Sechzigern an die deutsche Industrie verkauft habe, um die Arbeitslosigkeit zu exportieren, nicht endlich ordentlich bzw. überhaupt Deutsch lernten und sich integrierten (denn sonst werde das doch nie was mit dem Arbeitsplatz und der westlichen Zivilisation), begegnet Gast #2 mit böswilligem Hinweisen auf rassistische Dispositionen und deren herrschaftssichernde Funktion. Gegen Ende entblödet er sich nicht, die duldsamen Gastgeber darauf zu stossen, dass die Sendung unter “Wie deutsch soll Deutschland sein?” laufe. Dabei ist das selbstverständlich allenfalls in grammatikalischer Hinsicht eine Frage. Man ist aber höflich genug, dem hartnäckigen Missversteher erschöpfende Antwort zu geben. […]

Gastgeber #2:

»Deutschland ist mittlerweile ein Land des liberalen Westens und ist sozusagen für alle, die hierherkommen, eine Chance, an dieser Zivilisation, die hier zufälligerweise das deutsche Gesicht trägt, zu partizipieren. Zweite Antwort: Sie sagten, Sprache und dann Integration. Ich sage, gemeinsame Sprache ist Integration. Dann sage ich Ihnen noch: Das, wohinein integriert wird, ist also auch eine Rechtskultur, d.h. man muss die Gesetze nicht gut finden, man muss sie nur befolgen. Und es muss auch klar sein – und das ist jetzt ein ganz heikles Thema, ein Thema für eine eigene Sendung – Rechtskultur und Religion, z.B. zu den Spielregeln des Westens gehört, im Konfliktfall rangiert das Bürgerliche Gesetzbuch höher als religiöse Vorschriften. Und wenn sie zur Deckung kommen, ist es gut, und wenn sie privat auch weiter ausgeübt werden, sofern es nicht gegen, eh, na z.B. das Schlagen und so weiter, das ist, eh, Vielweiberei z.B., vom Koran zugebilligt, wie wollen wir uns da verhalten. Im Koran selber heisst es ja offenbar, dass ein Mann nur zwei oder mehr Frauen haben kann, wenn er sich das finanziell leisten kann. Jetzt ist die Frage, transferieren wir das in unsere Rechtskultur und finanzieren es ihm, wenn er es selber sich nicht leisten kann — Deutschland ist jetzt ein Land des Westens, und diese Integration in diese Zivilisation bedeutet “Deutsch werden”.«

Gastgeber #1:

»An dieser Stelle müssen wir einmal einem grossen Türken in letzter Minute das Wort geben, der etwas sehr Bedeutendes gesagt hat, nämlich Kemal Atatürk, wir haben leider nicht die Zeit, um diesen ungeheuren Satz auszuleuchten, er sagt, es gibt viele Kulturen, aber es gibt nur eine Zivilisation, und die Kulturen sind unterwegs zur Zivilisation. Das gilt für die deutsche Kultur in ihrer Selbstzivilisierung in ganz besonderer Weise. Es gibt unter den zeitgenössischen Kulturen wahrscheinlich wirklich keine, die während zweier ganzer Generationen so an sich gearbeitet hat wie diese, und sie ist jetzt, das glaube ich aber ganz ernsthaft, jetzt durchgearbeitet und zivilisiert genug, um sich sozusagen die guten Elemente ihrer Tradition vor 1933 wieder aneignen zu dürfen, und sie muss nicht an dieser Mauer, an dieser Zwölfjahresmauer, für alle Zeiten stehenbleiben, um dort zu meditieren und in dieser bescheidenen Art und Weise… auf eine Art und Weise ein höheres Nichts-zu-sagen-haben als Kultur zu leben. Es ist inzwischen in diesem Land genug geschehen, um so etwas wie eine vorsichtige Selbstaffirmation im Lichte zivilisatorischer Prüfungen zu erlauben, davon bin ich fest überzeugt. Meine Antwort würde einfach heissen: Ich möchte, dass Deutschland so deutsch bleibt, dass es noch in hundert Jahren Leute gibt, die Maxim Biller lesen können. Das sollte eigentlich eine Defintion sein, die Ihnen einleuchtet.«

Zentrum gegen historische Vertreibungen

Die Vertriebenenverbände sollen also ihren Willen haben, sagt die Regierung, und hat so ein Dokumentationszentrum beschlossen. Damit die Sache aussenpolitisch weniger verfänglich wird, sollen jetzt irgendwie alle möglichen willkürlichen Bevölkerungsverschiebungen vorkommen. Nachdem willkürliche Bevölkerungsverschiebungen vor, während und nach Kriegen aber menschheitsgeschichtlich Usus sind, verliert das ganze Vorhaben unter Umständen den einzigen Sinn, den es in Deutschland haben kann, wie die Revisionisten-Fraktion sehr genau ausgerechnet und die Gegner zutreffend vorhergesehen haben. Den Sinn nämlich, den Dresden-Faktor in der Geschichtspolitik mächtig zu erhöhen. Wenn das, was jetzt berichtet wurde, die schwachsinnige Wahrheit ist – könnte man nicht vielleicht auch ein Zentrum für Lärmschutzregelungen an der Front oder gegen überlange Tagesmärsche einrichten?

Wie auch immer; es verlautete jedenfalls weiterhin, für diese sogenannte Dokumentationsstätte sei eine Fläche von achtzehntausend Quadratmetern im Deutschlandhaus eingeplant. Achtzehntausend Quadratmeter als »sichtbares Zeichen gegen das Unrecht der Vertreibungen«. So nennt das die Regierung, und wie ernst es ihr mit der historischen Erkenntnis ist, sieht man daran, dass die Fläche fast einem Quadratmeter für jeden der Menschen entspricht, die jährlich gegen ihren Willen, aber ganz legal, aus diesem Land hinausbefördert werden.

Die fünfzehn Minuten des Ottmar Schreiner

Am Nachmittag danach akklamiert der Hamburger Parteitag der SPD den nächsten Antrag auf ein NPD-Verbot. Organisationspsychologisch betrachtet, ist das momentan offenkundig ein Null-Thema. Die Vehemenz der stundenlang vorgetragenen Zustimmung wirkt daher ein wenig ausgestellt im Kontext der Kämpfe, die in den letzten Wochen die SPD als Staatsorgan erschüttert haben.

Recht vehement beschwiegen wird hingegen, dass es die SPD, wie die anderen etablierten Niessbraucher der sinnlich entleerten Demokratie auch, fuchsig machen muss, wenn ihnen nicht nur der Beitragsplebs in Scharen davonläuft, sondern nun an der Staatskuchenvitrine ausserdem noch die Nazen ihr ordnungsgemässes Privilegiumsstück beanspruchen dürfen. Wobei für manche andere Partei die Kalkulation politischer Kosten und Nutzen eines parlamentarisch querfinanzierten Faschismus möglicherweise etwas weniger ungünstig ausfällt als für die, die an Roland Koch nicht rechts vorbei können. Für die SPD als Karrierenmaschine ist der rasante Schwund an allen Quellen aber umso bedrohlicher, als sie auch von denen nicht besonders alimentiert und bespendet wird, die bei der hiesigen Ausformung des Kapitalverhältnisses den publizistischen Schmiedehammer führen.

Deren Vertreter, die stillen INSM-Botschafter und schmissigen Industrieverbandsgesichter, sah man auch dieser Tage wieder in den Fernsehrunden. Auf die irreale Frage, ob die SPD links werde, antworteten sie mit der irrealen Warnung vor dem Verfall der marktförmigen Sitten in Politik und Gesellschaft. In Kamera 2 sah man sie dann staunen und feixen vor Glück darüber, wie weit die Transformation der Öffentlichkeit zur Rektoskopie von Wirtschaftslenkern schon gediehen ist. Niemand weiss ja besser als die Propagandisten der Handelsspanne: Der kleine Verelendungspuffer für Ältere, dessen Einführung da so aufgebracht debattiert wurde, als hätte einer die Vergesellschaftung von Daimler-Benz verlangt und nicht bloss einen symbolischen Jokus von Jürgen Rüttgers runtergeladen, geht das Kapital erstens wenig an und ist zweitens allein durch die höhere Mehrwertsteuer schon zwanzigfach bezahlt.

Zum Mindestlohn, zur nächsten Sau also, auf der der aktuelle SPD-Vorsitzer durch die nationale Lohnarbeitsgemeinschaft zu reiten versuchen wird, boten vorbeugende Einspielfilme Experten auf: Wenn der Staat sieben Euro die Stunde verordne, werde ja niemand mehr für fünf Euro arbeiten wollen, drohten sie mit der kommenden Untergrabung der Arbeitsmoral. Da niemand lachte, werden das keine Experten für deutschen Humor gewesen sein. Die anwesenden Sozialdemiurgen hielten der Kapitalseite daraufhin ganz beflissen die bevorstehende Absenkung des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung entgegen. Aber was da aus unscheinbaren Prozentpünktchen an unglaublichen Summen aus dem sogenannten Solidarsystem abgezogen würde, blieb wohlweislich unerrechnet. Auch von den jeweiligen Abgesandten der Linkspartei, die anscheinend sämtlich soeben eine Fortbildung in brachialem Heranzitieren statistischer Fragmente hinter sich gebracht haben. Ihnen hielt man, nach der in Deutschland stets hervorragend angängigen No Free Lunch-Taktik, übrigens vor, sie trügen nichts zur geistigen Hebung der Bevölkerung bei. Das stimmt, wenn auch anders als gemeint. In der Tat scheint es nämlich augenblicklich keine gesellschaftliche Kraft in Deutschland zu geben, die sich grössere Verdienste um die Befestigung des Lohnarbeitsfetischs zurechnen könnte als die Linkspartei. Dass es gut sei, irgendeinen Job zu haben oder zu bekommen – so denn nur der Lohn zum Leben reicht – diese steile These kann die Linkspartei heute als einzige vertreten, ohne dazu auf das Heil des Standorts oder die Volkswohlfahrt verweisen zu müssen.

Solange ein derart zugerichteter Arbeitsbegriff nicht von Verbotsanträgen bedroht ist, ist der Versuch der SPD, sich als nationaler Heizpilz neu aufzustellen, durchaus erfolgversprechend. Sie kann so ihren Beitrag leisten, Deutschland fit zu machen für das unausweichlich Kommende. Die »Agenda 2010« der SPD mag seit dem Hamburger Parteitag als symbolischer Begriff der Vergangenheit angehören. Von der Agenda 1850 ist die bislang unvollkommen gebliebene Durchkapitalisierung des Bildungs- und Gesundheitswesens ganz bestimmt nicht gestrichen. Es ist im Augenblick höchst unwahrscheinlich, dass Kurt Beck dazu als Kanzlerdarsteller engagiert wird. Aber das wäre ja nicht die erste grosse Unwahrscheinlichkeit aus Rheinland-Pfalz.

Wenn schon Podcast, dann Darmstädter Sozialhilfegruppe

Von meinem aktuellen Lieblingspolitologen der mittleren Generation, relativ Easy Listening: Christoph Butterwegge, Krise, Umbau und Zukunft des Sozialstaats (MP3: Teil 1/Teil 2). Also Prof, Beamter, nicht grundsätzlich staatskritisch und so, könntest du eventuell zB anhören, während du in den nächsten Tagen an von der GdL bestreikten S-Bahnhöfen vorbeiradelst und dabei in solidarische Beschwingtheit entgleisen möchtest. (Da die Frage immer wieder aufkommt: Nein, Radfahren mit Kopfhörern ist nicht eigentlich verboten.)

Wirtschaftskreislauf

Wirtschaftskreislauf

Sein Staat hatte einen Briefumschlag geschickt, darin war die Steuerkarte für das nächste Jahr. Den Brief hatte der Staat von einer Firma überbringen lassen, der nachgesagt wurde, dass sie die meisten ihrer Angestellten schlecht bezahle. Die Firma überbrachte den Brief dafür (manche meinten: deshalb) um ein paar Cent billiger als eine andere, grössere Firma. Diese andere Firma hatte jahrzehntelang nicht nur die Briefe des Staates ausgetragen, sie hatte sogar dem Staat gehört. Man sagte ihr ebenfalls nach, dass sie viele ihrer Angestellten immer schlechter bezahle. Die Bezahlung sei aber wenigstens noch so, dass die Angestellten davon ihren sogenannten Lebensunterhalt zu bestreiten vermochten. (Nur an den Unterhalt würden noch geringere Ansprüche gestellt als an die Unterhaltung, besagte ein gerade im Staat umläufiger Kalauer, q.e.d.) Viele Angestellte der kleineren Firma hingegen, hiess es, seien genötigt, von dem Staat einen Zuschuss zu verlangen, weil ihre Bezahlung nicht unterhaltsam genug sei. Den Zuschuss für die Angestellten der kleineren Firma wiederum brachte der Staat aus den Steuern auf. Nach der herrschenden Lehre war der Staat gehalten, mit dem Überbringen seiner Briefe jene Firma zu beauftragen, die den geringsten Betrag dafür verlangte. Es durfte den Staat bei der Auswahl der Firma nicht interessieren, dass die Angestellten nachher einen Zuschuss verlangen müssten, um sich zu unterhalten. Es zeugte also von der Weisheit des Staates, dass er schon zehn Wochen, bevor das nächste Jahr begann, die Steuerkarte schickte.