Monatsarchiv für August 2007

 
 

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Am Wiedersehen mit Boys from Brazil sei ihm aber doch weniger die Beobachtung bemerkenswert, wie Laurence Olivier sich mit der Interpretation des Lieberman endgültig um das schmale Genre der Rattenlinienexploitation bleibend verdient gemacht habe. Dann schon eher, dass der bestaussehende lebende Mann der FDP, der, wie ihm zugetragen worden sei, schon manchen Fernsehtalk mit wahrhaft bourgeoiser Einfalt beehrt und unzählige harmlos scheinende Fussballübertragungen durch fett-sonore Kommerzialisierungshinweise zur Kenntlichkeit entstellt habe, in dem Werk, und das komme ja wohl einem kongenialen Nachtreten aus dem Schatten der Filmgeschichte gleich, einen gänzlich stummen Part als neofaschistischer Hitman halte.

Wie er sich sein Leben ausmalen solle, wisse er leider immer noch nicht. Er sei aber zufrieden, nunmehr über seinen Tod eine etwas bildkräftigere Vorstellung zu besitzen, und bereits im voraus sei ihm der Aufwand unangenehm, den er (auch ohne Auslegware) den Behörden machen werde: »What does it mean, if anything, when what’s left at the end is $124 in used furniture and a stain on the carpet?«

Ein anderer Vorgang lasse sich folgendermassen zusammenfassen: Lafontaine, ein paar Gewerkschaftler und weitere frustrierte Westsozialdemokraten, aus denen die SPD gegen Ende der 90er endgültig ausgetreten sei, die aber auch ihr Auskommen finden müssten, versuchten, auf dem Luftkissen aus Wahlkampfkostenerstattungen, das ihnen die nun langsam absterbenden Kohorten früherer DDR-Funktionsträger verschafft hätten, weit in die Parteienlandschaft hineinzuschweben.

Was auch nicht schwerfalle, sei doch die Parteienlandschaft in diesem Staat von jeher extrem flach, und der angezielte Bezirk, in dem traditionell die Narration solidarischer deutscher Lohnarbeit gepflegt und den quasi-befriedenden Potenzen der nationalstaatlichen Herrschaftsweise gehuldigt werde, seit einiger Zeit ziemlich verwaist. Wer sichtbegabt sei, aber den Blick nicht allzu weit über die Fernsehtortendiagramme und das Sonntagsfeuilleton hinaus schweifen lasse – und deshalb zB eine Viertelmilliarde wandernder Lohnsklaven allein in China nicht sehen wolle – möge aus diesem Vorgang das Ende neoliberaler Hegemonie oder dergleichen Erlösungsgeschichten herauslesen. Für ihn sei es vorerst nichts weiter als eine der üblichen Konjunkturschwankungen des Meinens und Anschauens bei fortlaufenden Geschäften.

Am absehbaren nationalen Ende der Eliten- und Programmverdauung würden SPD und Linke einen Vereinigungsparteitag mit vielen roten Luftballons und der Festrede eines endsenilen Schriftstellers schmeissen, soviel sei sicher.

Wie aber jetzt, nach deren weltumstürzenden Einzug in die Bremer Bürgerschaft, die Bedeutung der Linkspartei in verschiedenen linken Zeitungen und Zeitschriften (er empfehle diesen Überblick) geradezu hochgeschrieben werde – im Argument-Schwerpunkt hätten sie tatsächlich eine »europäische historische Verantwortung der Linkspartei« angedroht – sei ihm gleichwohl unangenehm aufgefallen. Er verstehe ja, dass die vielen begabten Akademiker noch ungeduldiger würden während der laufenden Vernichtung der Universität. Nachher werde vielen nicht einmal mehr eine entfernte Aussicht auf eine Anstellung bleiben, die mehr wissenschaftliches Interesse und höhere Bezahlung generiere als ein Lehrauftrag für den modularen Stumpfsinn. Die Leute müssten aber doch achtgeben, dass man sie nicht nur noch als öde-schnöde Seilschaft unbehauster Sozial- und Politikwissenschaftler sähe, die es in ihrem unbändigen Drängen zu projektiven RLS-Stipendien und Parteiaufträgen nicht mehr so genau nähmen mit dem, was wahrscheinlich und was ausserdem wünschbar sei.

Denn überhaupt: Wo kritisch sein wollende Publizistik, ohne nach den Mitteln zum Zweck zu fragen, einer links sein wollenden Partei zugute halte, dass sie den grossflächigen Einzug neofaschistischer Parteien in die Parlamente verhindert habe, da könne sie auch gleich Hunzinger und Co. die Periodika vollmachen lassen.

Kandidatin

Sie zu wählen, könne sie ernsthaft nicht raten. Alle bekannten Verfahren demokratischer Repräsentation, zu denen auch diese Wahl gehöre, liefen im Zusammenhang kapitalistischer Staatlichkeit auf einen Betrug hinaus. Sich der Wahl zu stellen, setze mindestens die Absicht voraus, andere, oft aber auch die Bereitschaft, sich selbst zu täuschen. Jenes nehme sie für sich in Anspruch, da sie den einzigen Zweck des erstrebten Mandats darin erkenne, ihr einen Ausweg aus der Erwerbsnot zu öffnen. Als Beispiel für die Selbsttäuschung führe sie Helmut S. an, der zirka 1972 im deutschen Fernsehen gesagt habe: »Für mich jedenfalls steckt eine ungeheure Befriedigung in dem Bewusstsein, für das öffentliche Wohl tätig zu sein – das ist eine Passion, die ja viele Menschen ergreift.«

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Mein Leben soll

# so bleiben # sein wie ein ABBA-Song # einmalig werden # nach seinen Angaben eine Autobiographie sein # voller Poesie sein # dir gehören Jesus # erleuchten # etwas Gutes bewirken # mir Spaß machen # fruchtbar sein # dem Schutze ihrer Gesetze gelten # dafür Zeuge sein # für immer so sein, wie es jetzt ist # wie ein Baum mit tiefen Wurzeln sein # es danken # besser werden # sein wie ein Glas Champagner # gelingen # so sein wie die Dinge die mich umgeben # dir gehören # dem Herrn Jesus Christus gehören # ein Dankeschön an Gott sein # sichtbar machen, dass du wirklich die perle bist # nicht von der Habsucht bestimmt sein # mir mehr bieten als nur den Schmerz # sich in Stille und Würde vollenden # für mich auch lebenswert bleiben # nicht mehr so weiterlaufen wie bisher # ´ne Bunte Tüte sein # mein Leben bleiben # ein einzig Rühmen sein # nicht so verlaufen wie ihr Leben # sich königlich verschönen # ja wieder sinnvoller werden # nicht mehr einfach so stinknormal sein # dem Brunnen gleichen # 77-mal gerächt werden # ein Teil einer Bibelbewegung sein # eine neue Richtung bekommen # von dir regiert werden # etwas mit diesem. Jesus zu tun haben # in ruhigen Bahnen verlaufen # auch in Abwechselung zwischen Ruhe und Arbeit gestaltet werden # nur noch Mutter sein # Flussbett für den Heiligen Geist sein # hauptsächlich bestehen aus Forschungsreisen # solange gehn, bis ich aus altersgründen sterbe [Q]