Monatsarchiv für July 2007

 
 

Microbus to the ground

Man machte eine Städtereise.

TdF

Die Übertragungen von der Tour habe er schon immer gern geschaut. Nicht, weil ihn die Tour so sehr interessiere, sondern wegen ihres herausragenden Prokrastinationswerts. In so einer Etappe könne man, anders als bei vielen anderen kurzlebigen Fernsehsportveranstaltungen, einen ganzen Nachmittag restlos verschwinden lassen. Und sich zugleich, dank der seltsam frühen Tageszeit, mit dem Gedanken betrügen, dass nach achtzehn Uhr noch genügend Zeit für alles Aufgeschobene bleiben werde. An der südfranzösischen Sonne habe er so ebenfalls teil, obschon er mit sehr wenig Geld in einer Weltgegend feststecke, deren Sommern es doch allzuoft an Selbstvertrauen gebreche.

Interessant seien ihm auch die flachen Etappen, er sehe sie als prima Gleichnisse auf die existenzielle Sinnlosigkeit allen Bemühens, wenn drei, vier Stunden lang ein paar Emsige vorwegradelten, bis dann doch, mit der Zuverlässigkeit eines Toasters, das beiläufig heraneilende Feld die spezialbegabten Sprinter ausspucke. Zu den habituellen Aussenseitern, die immer wegführen, gehöre übrigens auch dieser Voigt. Der sei wahrscheinlich, das sage er aber nur am Rande, einer der wenigen, die noch nie auch nur mit dem Gedanken an unerlaubte pharmazeutische Hilfe gespielt hätten. Das vermute er nicht, weil der Voigt ihm etwa sympathisch sei oder besonders einfältig erscheine, sondern wegen dessen konsequenter statistischer Mittelmässigkeit.

In diesem Jahr nun seien die Übertragungen aber besonders angenehm zu verfolgen. Zwar werde allerorten davon gesprochen, der Radsport sei verseucht oder gar dem Tode nahe. Doch das sei leichtfertiges Geschwätz. Wer so daherrede, belüge sich oder wenigstens seine Rezipienten über gewisse gesellschaftliche Notwendigkeiten, die doch längst als bewiesen gelten könnten und auf denen auch die Tour schon über hundert Jahre lang komfortabel bis in die Gegenwart geschwommen sei. Verhältnisse, die so gestrickt seien wie unsere, bildeten naturgesetzmässig Bereiche wie den Profisport aus, in denen eine gleichsam symbolische Meritokratie herrsche. So klammere man sich die meiste Zeit an die dämliche Vorstellung eines kapitalistischen Aussenbezirks, in dem fleissiges Streben, stete Bemühung, feste Entschlossenheit und eventuell ein Quäntchen Glück über Erfolg und Misserfolg entschieden, obwohl gerade dort, und zwar mehr als irgendwo sonst und in Betracht der komplett entfesselten Konkurrenz logischerweise, Bestechlichkeiten, Manipulationen und vor allem die nackte Kohle, also gleichsam ungebremst waltende Klassenverhältnisse, den Ton angäben.

Über die Systematik des Spitzensports, nicht bloss über die vermeintlichen Systemabweichler unter den Sportlern, werde aber in diesem Jahr in relativer Breite und Tiefe, also immer noch sehr, sehr relativ, selbst bei einem Sender wie €sport gesprochen (obgleich er mit Rücksicht auf die Gebührenstelle nicht sagen wolle, dass er den €sport-Livestream zuhause verfolgt habe). Was derzeit bei der Tour vor sich gehe, sei geradezu ein ’68, verglichen mit dem bigotten Adenauermuff jener Zeiten, als die öffentlich-rechtlichen Aufmerksamkeitsluden ihre Radlernutten, den zweifellos blöden, aber dennoch ziemlich bedauernswerten Ulle mittendrin, im gebührenbezahlten rosa Kleidchen auf den vaterländischen Fernsehstrich geschickt hätten und mindestens stillschweigend an die Infusionsnadeln. Und jetzt täten sie bei der ARD so, als wäre der Skandal in diesem Jahr passiert, und glaubten das womöglich sogar selbst. Hingegen könne man beinahe behaupten, momentan übernachte der investigative Journalismus – noch so ein Gespinst des demokratischen Symbolismus übrigens – beim Radsport. Wie dem auch sei, er pflege derweil die Vermutung, dass es lange keinen sogenannten Wettbewerb gegeben habe, der so sehr von idiosynkratischer Erschütterung und Kritik bestimmt gewesen wäre. Und während er täglich darauf warte, wie der nächste Spitzenfahrer als sogenannter Betrüger entlarvt und verbannt werde, denke er sich, dass der Profisport gar keinen besseren Dienst leisten könne, als, wenn auch leider nur ein paar Sommerwochen lang, die plebejische Hoffnung auf Objekte der Heldenverehrung systematisch zu frustrieren.

***

***

Nachfrageanzeige

Was es vor einigen Jahren unter »RV« noch in komfortablen 1:27500 gab, aber vermutlich der Konsolidierung im kartographischen Verlagswesen zum Opfer gefallen ist:

Ein Plan von Berlin, der
– das gesamte Stadtgebiet auf einem Blatt abbildet,
– vernünftig gefaltet ist,
– einen gleichbleibenden Massstab hat,
– auch die Tram- und Buslinien verzeichnet.

Es scheint derweilen nur noch Stadtpläne für Leute zu geben, die höchstens im Notfall mit der Ubahn fahren, denen egal sein kann, ob der Kartenzentimeter in Treptow womöglich doppelt so weit ist wie der in Tiergarten, die wuchtige Ringbuchschwarten oder für den regelmässigen Gebrauch ebenso untaugliche »Patentfaltungen« mögen oder die erst gar nicht über die Innenstadt hinauswollen: Autofahrer und Touristen. Soll man sich einen von denen kaufen, die auch an den Bahnhöfen aushängen, und selber falten? Sind aber teuer, die Viecher.

Antideutsche beweisen: Neger keine Islamisten!

»In Europa wird Islamkritik häufig als Rassismus denunziert.«
»Der Begriff Rassismus ist an die Hautfarbe gebunden. Es geht nicht um Religion oder Nationalität, sondern um schwarz und weiß.«

Quelle

Anfangsentgelt

Die letzte Gewerkschaft mit Eiern, dann tun wir der Bahn den Gefallen und fordern wirklich 31 Prozent. Wahrscheinlich würden sie nach zwei, drei Tagen ja doch wieder einlenken, aber seitdem er das mit den 1970 Euro gelesen habe, wünsche er sich insgeheim, seine für Ende August schon gekauften Fahrkarten im Arbeitskampf entwertet zu finden.

»Wie ich über die deutsche Einheit verhandelte«

Wie, jemand solle endlich mal dem Innenminister die Räder abschrauben? Die Zerstörung der staatlichen Ordnung, genau das habe sie sich doch immer gewünscht?