Monatsarchiv für May 2007

 
 

Lieblingsdroge

Mal wieder sehr einschlägig fandst du diese Woche die Titelstory in dem verfetteten Terminkalender, den du aus Gründen leider manchmal kaufen musst. Das redaktionelle Zeug ist eh schon lang ein Mischdreck aus verunglückter Standorthudelei, essayistischen Zeitgeisttrojanern von neurechten Chefredakteuren und verschämter Promotion für blasierte Systemgastronomie. Da guckst du höchstens mal in der U-Bahn rein, wenn das amüsant-kaputte Tabloid-TV ausgefallen ist.

In dieser Ausgabe also die Geschichte über die BoBo-Bürgerwehr, die die Dealer aus dem Weinbergspark vertreiben will. So auf selbstreflexiv gedimmter Akademikerrassismus. Die Leute, die sie für die Geschichte befragt haben, empören sich, dass man sie Rassisten nennt, denn es sei doch nur die Wahrheit, dass die Dealer »meist einen Migrationshintergrund« hätten. Jetzt darf man nicht mal mehr Neger sagen, dabei sind die doch wirklich schwarz!

Hat dich an den Artikel in der Zeitung aus demselben Hause erinnert. Die Dealer hätten »nun einmal einen Migrationshintergrund«, konstatiert auch dort die Autorin, als hätte der Begriff irgendeine Bedeutung ausser der, mitzuteilen, dass man sich – jedenfalls in der Öffentlichkeit – noch nicht traut, gleich Neger, Kameltreiber oder etwas in der Richtung zu sagen. Und wer Ausländer ist, bestimmen immer noch wir!. Ausserdem sprächen die einen auch noch an – verhalten sich also etwa so zurückhaltend wie die Mobilfunk- und Zeitschriftenvertriebler, die einem überall auflauern, leider auch ausserhalb öffentlicher Grünanlagen. Das fällt aber einer Mitarbeiterin eines renommierten Journals für Rassismus nicht auf.

Und wenn Frau Heidemann* einmal nicht mehr an sich halten kann und die bedrohlich ausländischen Strolche, deren Anblick sie »schon hunderte Male schweigend« kaum ertragen konnte, endlich frei von der Mittelschichtsleber weg beleidigt, dann werden die sogar noch frech: Lassen sich nicht widerspruchslos als Idiot bezeichnen und haben keine Lust, mit »Verpiss Dich!« begrüsst zu werden. Wenn also so ein Mensch zweiter Ordnung auch noch Respekt verlangt, dann ist das in den Augen der Nanni Heilmanns* dieser Welt »echt zu aggressiv«.

(* Name geändert)

Reisszwecke

Auftragsbeleg

Vesna

An dem überraschend sonnigen Frühlingsnachmittag, als die Arbeit sich dir entzogen hatte, bist du dann doch zum Alex weitergefahren. Der Vorsatz, dort einen heissen Kakao zu kaufen und überm Austrinken die Zeit verstreichen zu lassen, hat in dir fortgewirkt. So, wie man an einem verregneten Morgen noch die Wasserflasche und etwas zu essen für einen Ausflug mit dem Rad einpackt, weil man es sich am Abend vorher im Kopf zurechtgelegt hat. In den Imbissbuchten in der Bahnhofshalle sollte der Becher Kakao zwischen einsdreissig und zweizehn kosten. Du fandest, der Kapitalismus müsse noch an seinem Nivellierungsvermögen arbeiten, und hast dir gegenüber, bei den Kaufhofbuchten, für einen Euro einen Schaumkaffee gekauft. Warum hatte der billigste Kaffee oft die sympathischste Verkäuferin? Dass eine Verkäuferin sympathisch ist, merkst du daran, dass es dich nur wenig Mühe kostet, ihr Lächeln zu erwidern. Wenn sie ausserdem nicht gefragt hat, ob du Bonuspunkte sammelst, eine Kundenkarte hast oder ein Parkticket zum Entwerten, drehst du dich manchmal sogar nach ihr um und bist ein bisschen stolz auf die Robustheit der menschlichen Natur, die es zulässt, dass Menschen bei Arbeit menschlich bleiben. Gut, wenn dein Leben einen auktorialen Erzähler hätte, würde er hier vielleicht einschieben, lange schon befand sich in seinem libidinösen Kellerverschlag ein Verhältnis mit einer Verkäuferin. Er würde sie zum Ladenschluss am Personaleingang erwarten und sie zu ihrer Wohnung begleiten, wo sie, vom langen Stehen hinter der Verkaufstheke erschöpft, aber glücklich in seine Arme sinken und in Bälde nichts weiter tragen würde als liebliche Einfalt und einen Hauch von Cappuccino im geöffneten Haar. Vorsichtig den heissen Kaffee durch den Schaum hindurchsaugend, bist du dann jedenfalls die neuen Strassenbahngleise entlangspaziert, die erst in drei Wochen mit einem Volksfest eröffnet werden sollten, und hast dich gefragt, welchen Prozentsatz das Lächeln der Verkäuferin in der Schaumkaffeekalkulation einnimmt. Du hast dich auf eine der repräsentativ gemeinten Bänke in einer der gläsernen, ihrer Defloration durch die BVG-Kundschaft harrenden Wartekabinen gesetzt, und du hast bemerkt, wie dir der Entzug der Arbeit gar nicht unbehaglich war. Zuerst hast du dich noch besorgt nach ihr umgesehen, aber immer rascher wuchs in dir der Gedanke empor, dass es der Arbeit ohne dich auch nicht schlecht ginge. Du und die Arbeit, ihr kamt eigentlich ganz gut ohne einander aus. So hast du dann, den Ausblick über die unvermittelt geöffnete Dreiviertelstunde geniessend, langsam den Schaumkaffee ausgenippt und dich gefühlt wie eine für den Fortgang der Handlung recht unerhebliche, aber mit spürbarer Zuneigung erzählte Nebenfigur in deinem eigenen Leben. Als die Zeit kam, bist du aufgestanden, hast den leeren Becher mit hauptstädtischem Schwung in das Loch »Verpackungen usw.« befördert und bist hinunter zum Bahnsteig gestiegen. Es warteten dort viele Frauen, von denen dir aber, wie dir auffiel, keine gefallen hat, weil du sie allesamt in Verdacht hattest, frühlingshaft attraktiv gefunden werden zu wollen. Es könnte jedoch, hättest du ihnen, so sie gefragt hätten, zugestehen müssen, auch daran gelegen haben, dass du erst am vorigen Abend den Frühling aus dir herausgelassen hattest.

Aus dem Wirtschaftsleben

»Tagesthema Kindesvernachlässigung mit dem Schwerpunkt Berlin«

Apfeltasche

Apfeltaschentüte

Hinweis

new filmkritik, kurz und lang und neu.

Versammlung

Was war es, das ihn daran festhielt? Wo hatte er diese Angst in sich aufgenommen? Die dazu gehörte, immer wieder in die Masken hineinzusehen. Stundenlang nicht fortzugehen und nicht dreinzuschlagen. Aus den Mündern quollen die Laute und flossen zu sprachvergessenen Schlieren zusammen. Fast jeder Satz den Tatsachen ein Unterleibstritt. Um nicht zu verzweifeln, redete er sich ein, sie verständen genauso wenig, was sie sagten, wie sie verstanden, womit sie sich den Tag lang beschäftigten. Manchmal noch, wenn er es gut mit ihnen meinen wollte. Wie sich diese Welt der Arbeit drehte: Bekam einer irgendeinen phantastischen Titel und einen winzigen Aufschlag zugesprochen, versetzte ihn das augenblicklich in den Stand, die Wahrheit auf links zu ziehen. Und von niemandem ausgelacht zu werden. Nur die, die niemals lachten, waren ihm noch mehr verhasst. Die sich anschlichen und heimlichtaten, als verhielten sie sich wider eine Ordnung. Um ihm eine dieser Floskeln auf die Schulter zu flöten. Das rosige Zuspruchsformfleisch der Eckensteher und Leisemüller, das Respekt behauptete und stets nur Unterwürfigkeit sagte, es ekelte ihn. Am meisten hasste er sich selbst. Wie er eingeschüchtert war vom täglichen Getriebe. Und manchmal, in seinen korrumpiertesten Momenten, sich angezogen fühlte von diesem fernen Widerschein von Verantwortung, von Macht, oder was dergleichen im Angebot war an Trotzbehauptungen gegen die Selbsterniedrigung. Sein Leben, hatte er geglaubt, sei eine unwillkürlich getroffene Vorkehrung gegen das Dabeisein gewesen. Es gab noch keine Währung, in der Arbeit hätte bezahlt werden können, aber für das Geld musste man Jobs tun. Je unbeteiligter, desto gesünder. Da musste er wieder hin.