Monatsarchiv für April 2007

 
 

120/07

Mitbringsel vom Gewerkschaftsseminar: Die Steigerung von Lüge sei »Notlüge«, »Lüge«, »Statistik«, »Bilanz«.

Das Kapital (Emo Remix)

Herrn Goetzens Beitrag zum 1. Mai.

Emilio Estevez: Bobby (2006)

Was den Altvater dazu gebracht hat, aus der PROKLA-Redaktion rauszugehen, kannst du ja nicht wirklich beurteilen. Zwischen den Zeilen, so übersetzst du das jetzt mal, steht da, dass die anderen keine Lust auf eine Zeitschrift hatten, die so ähnlich funktioniert wie dieser Film. Wie funktioniert er? Ein gutes Dutzend Parallelplots, denen zu folgen dir todlangweilig wäre, weil kaum einer mehr transportiert als Abrieb aus einer mehrheitsfähigen 68er Kulturgeschichte: Emanzipation, Peace, Piece, Seitensprünge. Irgendwo schrieb einer, und du findest, das stimmt, es fühle sich eher an wie »Love Boat« denn wie »Short Cuts« Wenn da nicht das reichhaltige Sortiment von Superstars wäre, das in diesem kalifornischen Hotel Guess who? mit dir spielt, wahrscheinlich auf Einladung von Josiah Bartlet persönlich. Wie Ashton Kutcher aussieht, wusstest du eh nicht, aber die Stone hast du wirklich erst nach einer Stunde erkannt. Aber was du schon am Anfang weisst: Es ist der Tag, an dem Robert Kennedy, und es ist das Hotel, in dem er erschossen wird. Damit du das nicht vergisst unterwegs, hat der Sohn von Josiah Bartlet immer mal wieder einen Doku-Schnipsel reingetan. Da bringt der Kennedy schön elegisch Versöhnung, Mitgefühl und die wahre Grösse Amerikas gegen Vietnam, Ungerechtigkeit und Umweltverschmutzung in Stellung. Am Ende übergibt Estevez beinahe komplett ans Fernseharchiv, und dann liegt der nette Kennedy niedergeschossen da und alle anderen Filmfiguren fallen auch in sich zusammen. Haben aber alle überlebt, sagt der Abspann. Phew! Aber cooler Typ, dieser RFK, denkst du, und dass es so einen mal wieder brauchte in Washington und überhaupt. Wenn es nur mehr von diesen charismatischen Versöhnungspolitikern gäbe, dann wären doch alle Gegensätze gleich viel weniger gegensätzlich, nicht?

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115/07

Omas 109. So ein bekloppter Job heute, und dann beim Abbiegen von der Oberbaum in die Falckenstein auf die Fresse, den Abend lang bedauert, keine Eiswürfel vorrätig zu haben.

Weblogs also are the new Jägerzaun

Also diese Experten, die sich an den seltsamen Gewinnspielchen im Fernsehen erregen und offene Briefe an die Landesmedienanstalt verfassen, kommen mir ja vor wie die Onlineversion solcher Typen, deren einzige Frage an die Verhältnisse die ist, warum gegen »ausländische« Drogenverkäufer in der Hasenheide nicht härter vorgegangen wird, oder die finden, dass eigentlich alles ganz prima sein könnte, wenn nur nicht der Beton überall durch Graffiti »besudelt« wäre.

BFC Dynamo – BFC Türkiyemspor 1978 5:1 (2:1)

Folgendes meinte P., der wieder einmal zu einem Stadionbesuch genötigt worden war, beim schamlos günstigen Laphroaig im M*sli*ska:
Wer in der Verbandsliga spiele, dem sei auch im Fussball endgültig klar, dass er Amateur ist. Vom Freizeitkicker trenne ihn dort nicht viel mehr als die Anwesenheit eines Schiedsrichtergespanns bei den Punktspielen, die Erwähnung seines Namens auf einem Spielberichtsbogen und ein Exemplar aus dem Satz von ordentlichen Trikots, über den auch fünftklassige Teams verfügten, manchmal sogar mit Rückennummern. Aus der Verbandsliga berichte der »Kicker« wahrscheinlich nicht einmal die nackten Ergebnisse, wer sich informieren wolle, müsse zu Freakmagazinen wie der »FuWo« greifen oder gleich in die trüben Tiefen des Internet hinab. Es gebe so gut wie keine Zuschauer und noch weniger Sponsoren, und die einzigen, die in der Verbandsliga mit etwas Geschick ein bisschen Geld bekämen, seien die gefragteren unter den Trainern.
Die Verbandsliga sei also da, wo ein Verein wie der zehnfache DDR-Meister BFC Dynamo unter keinen Umständen hin wolle. Seit letztem Sonntag sehe es bei noch sechs ausstehenden Spieltagen wieder eher so aus, als bleibe Dynamo der Oberliga Nordost-Nord erhalten. Mit sehr entschlossenem Auftreten hätten die Hohenschönhausener das Spiel im Sportforum gegen Türkiyemspor schliesslich deutlich gewonnen. Die Tordifferenz künde dabei weniger von einem Unterschied des spielerischen Leistungsvermögens, als vielmehr von der kompletten Indisponiertheit des Torhüters und der zeitweise eklatanten Nachlässigkeit der Kreuzberger, für die es allerdings auch nicht wirklich darauf angekommen sei. Die drei, vier Punkte, die sie zum sicheren Verbleib allenfalls noch benötigten, würden ihnen schon irgendwie zufallen, auch in dem Fall, dass sie den Rest der Saison ohne Trainer durchspielten. Der bisherige Übungsleiter sei nämlich unter der Woche gefeuert worden. Das sei ebenso wenig überraschend gekommen wie die Ankündigung des Hauptsponsors, eines in Berlin weltbekannten Fleischwarenproduzenten, sich nach dieser Spielzeit wieder zurückziehen zu wollen.
Die Oberligen, von denen es derzeit bundesweit neun gebe, bildeten nämlich nicht nur die unterste Ebene der DFB-Zuständigkeit. Es gingen hier auch (oder: deshalb) grössenwahnsinnige Spinnereien vom systematisch zu planenden (ergo: zu kaufenden) Aufstieg in die professionelle Sphäre Hand in Hand mit restlos chaotischen Selbstzerfleischungsexzessen. Zu welcher Seite das Pendel ausschlage, hänge dabei praktisch ausschliesslich von den Launen und vom sozusagen privaten kaufmännischen Glück eitler Gschaftlhuber ab. Deren Kohle, die sie im Tausch gegen ein bisschen soziales Kapital in die Vereine pumpten, schmiere nämlich den Betrieb. Von wenigen Clubs abgesehen, die aus mehr oder weniger zweifelhaften Gründen über nennenswerten Zuschaueranhang und ein belastbares Sponsorengebinde verfügten (dort: Babelsberg, Dynamo, mit Abstrichen TeBe), finde so ein Oberligaspiel in der Regel vor hundert und ein paar Zuschauern statt. Soweit er gehört habe, erhalte aber ein Durchschnittsspieler monatlich einen mittleren dreistelligen Betrag – selbstverständlich »unter der Hand« – dafür, dass er drei-, viermal die Woche zum Training auflaufe. Und wochenends zum Spiel, das nicht selten mehrere hundert Kilometer entfernt stattfinde: Dortige Oberliga reiche zB prinzipiell von kurz vor Lübeck (FC Schönberg) bis in die Lausitz, Cottbus’ Zweite spiele allerdings dieses Jahr wieder einmal in der Südstaffel.
Man müsse gar nicht erst die Mathematik bemühen, um draufzukommen, dass Handgelder für die Spieler, Trainerhonorare, Reisekosten und was sonst noch alles anfalle für den laufenden Zirkus, sich oft ganz schnell zu sechsstelligen Summen auftürme. Es gebe wohl auch so ein paar Standards für die Etatplanung, auf deren Einhaltung die Verbände angeblich ein Auge hätten, aber die Einnahmen aus Kartenverkäufen könnten bei den meisten Vereinen dabei kaum ins Gewicht fallen.
Wenn dann aber der Geldgeber einen bösen Anruf von seinem Steuerberater bekomme und den Stöpsel ziehe, verwandele sich der Plan vom mittelfristigen Aufstieg in die Regionalliga, in die zukünftige 3. Bundesliga vielleicht gar, über Nacht in die Geschichte von dem Verein, der mangels williger Spieler die A-Jugend ins Oberligagetümmel schicke, den Trainer und die halbe Mannschaft rausgeworfen oder an grössere Interessenten abgegeben oder sich gleich ins Insolvenzverfahren ergeben habe. Die Vereine in der Oberliga Nordost-Nord, die allein in der laufenden Saison mehr oder weniger heftig von derartigen Erscheinungen befallen worden seien, liessen sich mit den Fingern einer Hand nicht mehr zählen. Vor allem talentgesegneten jungen Spielern, die sich wahrscheinlich nicht selten an der Wegscheide zwischen einem Amateurvertrag bei einem Bundesligisten und der Schlange vor der staatlichen Armenfürsorgestelle wähnten, müsse der allgegenwärtige Sarkasmus in den Oberligazuständen auf die Seele schlagen. Besonders gegen Saisonende, wenn die sportlichen Würfel weitgehend gefallen seien, könne man auch post-Hoyzer in einschlägigen Foren Gerüchte über Oberligaspieler oder ganze Mannschaften lesen, die sich einen Zuverdienst bei der Sportwette gesucht hätten. Wo, wie in Berlin, der Verbandspokal als »ODDSET-Cup« ausgespielt werde, möge aber auch das nicht mehr überraschen.
Es gehe also recht merkwürdig zu in der Oberliga, und dabei werde manchmal sogar ziemlich ansehnlicher Fussball geboten, der im besten Fall vergessen lasse, auf welch sumpfigem Gelände sein Fundament ruhe und dass die professionelle Sphäre für die meisten Beteiligten auf ewig ein schöner, absurder Traum bleiben müsse. Erwähnen wolle er auch, dass die Regionalliga, wo die Leute wochentags gegen richtiges Geld fussballerisch hart arbeiteten und für Auswärtsspiele oft durchs halbe Land fahren müssten, wo sich aber knapp vierzig Clubs ein paar kümmerliche Prozente der fetten TV-Einnahmen des DFB teilen müssten, dass also die Regionalliga, die von der Oberliga aus wunderschön aussehen müsse, einen Ruf als Todesstation der rechtschaffen geführten Kleinstadt- und Vorstadtvereine habe, die es doch irgendwann irgendwie dahinzukommen schafften. Gar nicht reden wolle er vom Anhang der Oberligaclubs, der oft noch merkwürdiger sei als die Oberliga selbst, und der mache, dass man den mickrigen Besuch bei vielen Spielen dann wiederum gar nicht mal bedauere. Der BFC Dynamo allerdings habe stets recht zahlreichen Besuch, letzten Sonntag seien es immerhin über sechshundert gewesen. Man wisse nicht, wie genau der Verein es geschafft habe, als Sammelbecken von Stasi-Nostalgikern, Neonazis und Waldwiesenhools zugleich verschrieen zu sein. Wenn aber ein BFC-Offizieller mit einem Schreiben vom Verband prahle, das dem Verein bestätige, seit dem berüchtigten Union-Spiel in der letzten Saison habe es »keine sportrechtlich relevanten Vorfälle« mehr gegeben, und hinter einem trage ein gefühltes Drittel der Tribünenbesatzung Glatze auf dem Kopf und einen rassistischen Spruch auf der Zunge, dann meine man, der Club habe sich sämtliche negativen Zuschreibungen redlich erworben. Die einzigen Leute, die sich über den wahrscheinlichen Klassenerhalt von Dynamo freuten, schauten also wohl entweder regelmässig im Sportforum zu oder auf irgendeinem Platz in der Berliner Verbandsliga.

Minutien

Dem lieben Schrübbers, den ich nur noch selten treffe, seit er letzten Herbst im SFB 977 “Demokratische Performanz in der postkorporatistischen Transformation” Unterschlupf fand, gestand ich: Im nächsten Jahr erst laufe mein Ausweis ab, aber schon heute sei mir sehr unwohl bei der Vorstellung, meine Hand, auf dass die Abdrücke genommen würden, einer Meldeamtsmitarbeiterin zu reichen – obschon sie zweifellos freundlich und – behördlicher Weitsicht entsprechend umfänglich fortgebildet – behutsam agieren werde. Bis zu dem Punkt, sich dem Vorgang zu widersetzen oder gar öffentlich zu widersetzlichen Handlungen aufzurufen oder wenigstens in diesem Jahr noch unter einem Vorwand einen neuen “alten” Ausweis und damit einen zehnjährigen Aufschub sich zu verschaffen, wie in obskuren Foren diskutiert, so weit hätte ich die Vorstellung aber noch nicht an mich herangelassen.

Diese Vorstellung befremde mich aber doch nur deshalb, so Schrübbers, weil ich kulturell gelernt hätte, die Dokumentation von unveränderlichen Körpermerkmalen als aufgeherrschte erkennungsdienstliche Behandlung zu betrachten. Diese Betrachtungsweise könne er sozialisationsmässig schon nachvollziehen, aber sie sei eine ganz einseitige. Ob ich schon einmal den fundamentalen Mangel der bislang eingesetzten Dokumente mir vor Augen geführt hätte? Sie erlaubten nämlich lediglich eine begründete Vermutung, aber keinesfalls sicheren Aufschluss über die Identität ihres Inhabers. Das aber sei, wie mir wohl einleuchten werde, bei der unaufhaltsam fortschreitenden datenmässigen Integration aller Lebensbereiche ein erheblicher Missstand.

An den halbfeudalen Zuständen des vorletzten Jahrhunderts, fuhr er fort, sei unser Freiheitsbegriff gebildet worden, der deshalb ein bürgerrechtlich verwahrloster sei. Wenn wir den nicht rasch hinter uns brächten und übrigens weiterhin mit gleichsam Tschitschikowschen Methoden operierten, dann werde das die Grundlagen unserer Zivilgesellschaft vernichten. Wahrscheinlich sogar noch, bevor uns die fossilen Energieträger ausgingen. Eine biometrisch jederzeit nachweisbare Identität zu erhalten, liege also im vitalen Interesse eines jeden Bürgers. In der neuesten Forschung sei ihm übrigens die These begegnet, dass eine umfassend raumzeitlich zuordenbare citizenship einen starken Anreiz zu verantwortlicher Partizipation des Einzelnen setzen und die demokratischen Institutionen erblühen lassen werde.

Ihm persönlich sei das ja, setzte Schrübbers nun lächelnd hinzu, mit dem Wissen ums kuhäugige Regiertwerdenwollen der Massen zu rosig gedacht. Davon ab, sei aber die Notwendigkeit der vorgesehenen Massnahme, wie auch die Notwendigkeit aller anderen in diesem Zusammenhang vorgesehenen Massnahmen, ganz unumstritten. Also jedenfalls ausserhalb jener von Verschwörungsfanatikern, alarmistischen Altlinken und aufmerksamkeitsgeilen Rechtsanwälten gebildeten Szene, zu der etwas mehr Abstand zu halten er mir freundschaftlich rate. Schliesslich bleibe immer irgendwo etwas hängen in den Daten, das lasse sich ja überhaupt noch nicht absehen, was da in Zukunft alles rekonstruiert werden könne und von wem, und mit Blick auf die Karriere —

Die Spanier übrigens – Schrübbers schien unsere Unterhaltung jetzt auf ein leichteres Thema lenken zu wollen – hätten schon immer ihre Fingerabdrücke nehmen lassen müssen, das rühre da aber noch von der Franco-Zeit her.