Monatsarchiv für March 2007

 
 

Wir Autonome

Du musst heute schon dement geworden sein, dass dir ein Anspruch auf Selbstbestimmung zugestanden wird. Jetzt schreib halt auf, die Sterbenlassensverfügung, du wirst sehen, es könnte nicht umsonst gewesen sein und uns kostet es auch nichts. Was soll denn das heissen in diesem Zusammenhang, »Unterschreiben Sie niemals einen Vertrag, von dem Sie nicht wissen, ob Sie ihn werden einhalten wollen«?

(Maschine anlassen, Körpertechniker, ich will Musik und vorgelesen haben, und du sollst mich füttern und streicheln und betten und cremen und pudern, solange es piept, denn morgen könnte etwas Besseres kommen und da will ich dabeisein.)

Hoheitsgewässer

»Fifteen members of a notorious terrorist gang known to have brought chaos and death to the streets of Iraq have been arrested in the Persian Gulf.«

A hostage is a person given or held as security for the fulfillment of certain conditions or terms, promises, etc., by another. No demands, conditions or terms have yet been raised by Iran, to my knowledge. Yet, of course, the use of the term indicates the widespread acceptance of the British government’s narrative: if the arrested are “hostages”, then clearly there is no sense in which the arrest can have been legitimately made in Iranian waters. (Or perhaps, more insidiuously, the story of Iranian Guilt is such that even if they were in Iranian territory, they have no rights to control over that territory. Their sovereignty is always de facto in question, something that might be compromised at any time by an invasion or air strikes, or the use of terror squads).«]

»type ‘curtis’ backwards into the keyword search at google videos« (*/*)

Der Einzige und sein Kleinwagen

Durch Bollmann, als Imperienvergleicher schon renommiert, erfährst du, wie es »der Italiener« bei sich zu Hause mit den warmen Mahlzeiten hält und warum Deutschland in Wahrheit zu den anarchischsten Ländern zählt. Hast du erstmal »das blaue Grenzschild mit den zwölf goldenen Sternen überwunden«, entdeckst du jene vertraute Sorte Ressortleiter-Zivilisation mit exklusiver Kaffeeladen-Ästhetik, auf der so viele Assimilierte sanft dahingleiten, denen ihr Zorn überm progressiven Ausspülen von Joghurtbechern eingeschlafen sein muss. Beim Winkler studiert zu haben, hilft wohl auch. Ein Tempolimit für die Kapitalrendite? Rauchverbot für Kampfjets? Kommt anscheinend nicht vor in den Bedürfnislagen der »Praxis der Bescheidenheit«. Man gehört nunmehr »soziokulturell zur Mittelschicht und hält an einem bürgerlichen Lebensentwurf fest«, irgendwie halt. Durchs Gasthausfenster sieht man zu, wie die »alten und neuen Unterschichten … auf der Straße Büchsenbier« trinken, nimmt darauf einen tiefen, nicht durch Fremdqualm verunreinigten Zug vom Gestank des eigenen Essens und seufzt dann leise »Ostelbien!«

Don’t spend it all in one place

In der Zeit, die du zum Reindrehen einer Energiesparlampe brauchst, stellt dein Supermarkt zwanzig Flaschen chilenischen Rotweins ins Regal, steigen in Westasien drei Jagdbomber deiner Regierung zu einem Einsatz auf, haben fünf chinesische Wanderarbeiter tödliche Unfälle, klettert in einem Ort in Afrika die HIV-Rate über vierzig Prozent, bestätigt ein Bauer den Erhalt von zwanzig Zentnern patentiertem Saatgut, wird im Backofen deine Tiefkühlpizza mit Zutaten aus sechs verschiedenen Ländern noch ein wenig knuspriger, autorisiert Peymann drei Interviews darüber, dass drei Viertel der Menschheit so denken wie Christian Klar. Deshalb ist es nur zu verständlich, dass die Pfarrerstochter und der religiöseste Premierminister seit William Ewart Gladstone mit ganzem Herzen dabei sind bei diesem Ablassdiskurs um bessere Dienstwagen für sich, bessere Glühbirnen für dich und den Atommüll für die anderen drei Viertel: »In the end I don’t care where the carbon reduction comes from. It’s about the public interest and the market finding it.«

Obwohl die zweite Halbzeit gestern in München, nach der Schweinsteigerparty vorher, gehörig ermattend war, doch noch rüber ins preussische Arsenal zu Ucickys »Heimkehr«. Überraschend viele Ältere bis Hochbetagte im Publikum, die, wie mit ein wenig Argwohn vorstellbar, aus nostalgischen Gründen gekommen waren und dafür im Tausch die in diesem Fall obligatorische volkspädagogische Rahmung über sich ergehen liessen. Danach noch einmal Diewessely sehen, wie sie dem Angebot des Cartoons eines jüdischen Händlers entschuldigend absagt, »Ach, Sie wissen doch, dass wir nicht bei Ihnen kaufen«, und auch später noch ihren arg bedrängten Volksgenossen ein paar staatspolitisch und künstlerisch besonders wertvolle Ansprachen hält. Von Moltke hatte in seiner Einführung gemeint, man müsse dem Film konzedieren, dass er gut gemacht sei, aber das fand ich kaum bestätigt: Über weite Strecken dramaturgisches Rumpeln und aufdringlich didaktische Fensterreden – geschickte Propaganda, stelle ich mir vor, geht anders (ausführliche Analyse im Aufsatz von Gerald Trimmel, s. Wikipediaseite). Für das bis heute fortgeschriebene faktische Verbot, Offenbarungseide des künstlerischen Berufsethos wie diesen vorzuzeigen, müsste neben der vermeintlichen Gefährlichkeit des Werks auch ein fürsorgliches Bemühen gewirkt haben, den Beteiligten beim Nachkriegsreset ihrer Karrieren die bodenlose Scham zu ersparen. Jedenfalls hofft man derartiges, wenn man sich vergegenwärtigt, wie das Filmteam im Frühjahr 1941 an diesem pseudohistorischen Erbauungsmachwerk zugange war, und zwar teilweise im besetzten Polen, während praktisch nebenan die Ghettos und von Einsatzgruppen hinterlassenen Massengräber lagen. Zum Wandel des Moslembildes übrigens: Einmal wird ein vermeintlich schwer am Fatalismus Erkrankter gefragt: »Bist du etwa zum Íslam übergetreten, Allahs Wille geschehe und so?«

Der Aufschwung hält an