Monatsarchiv für January 2007

 
 

Nikolaus Geyrhalter: Unser täglich Brot (2005)

Aufreizend montierte Blicke auf die Hervorbringungen der ernährungsmässigen Ingenieurskunst. Oft die lach- und sachgeschichtlich gebildete Empfindung gehabt, dass ich lieber den jeweiligen Arbeitsgang zuende- und weitersehen würde. Es ist ja wahr, dass man sich viel zu selten vergegenwärtigt – und vergegenwärtigen kann – wie das, was man isst, eigentlich gemacht ist. Die richtig interessanten Sachen, die Prozesse der Verarbeitung und Haltbarmachung, die Zauberei mit Ersatz-, Farb- und Zusatzstoffen, das Verpackungs- und Distributionswesen, kommen bei Geyrhalters Rohwarenproduktionsschau auch praktisch nicht vor, was vermutlich nicht so sehr daran liegt, dass ihn das nicht interessiert hätte. Nachher überwog die stille Ehrfurcht vor dem Vermögen, mit dem wir uns die Welt zu- und anrichten. Wer, wozu Geyrhalter nicht unbedingt aufzufordern scheint, die Warenform der Pflanzen und Tiere bedauert, müsste erstens immer noch sofort Vegetarier werden, aber zweitens in der Geschichte der Arbeitsteilung bis mindestens hinter den Buchdruck ins Feudalzeitalter zurück, wo acht oder neun von zehn Leuten unter entsetzlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen dafür zuständig waren, dass das Essen auf den Tisch kommt. Das erschien mir überhaupt am erschreckendsten: Wie viele Menschen immer noch diese stumpfsinnigen, kriechenden, giftigen, stinkenden und unfassbar monotonen Jobs machen müssen.

°

Das Fahndungsphoto von Brigitte Mohnhaupt war meine erste Liebe.

I should have asked you to.

Ist es die Schulter oder ein Coronarkasper?

Ein Film wie Coming Home ist ein Antidot gegen die Desensibilisierungsgegenwart.

Weil in der Fahrradabteilung gerade niemand anzusprechen war, fiel mir wieder ein, dass ich mir ja noch eine Sporthose kaufen wollte. (Überhaupt das Beste am neuen Fitnessregime: Nach zwei Stunden in der fast menschenleeren Halle nach Hause treteln, die durchgeschwitzten Sportklamotten vom Körper zerren und früh um acht in die Wanne neben meinem Ein-Personen-Wasserklosett, zu einer sehr intensiven Zigarette und gurgelndem, nahezu kostenlosen Trinkwasser um die Cojones.) Meiner DISPOsition sehr gemäss, gab es also gerade passable Hosen zu 25 Euro. Später dann mit dem frischreparierten Rad durchs sogenannte Unwetter nach Hause gerollt. Die durchnässte Jeans (Made in India) zum Trocknen aufgehängt. Zur Probe in die trockene Sportivkleidung (Made in India) geschlüpft. Womöglich vom selben Mädchen in einem Mumbaier Sweatshop für 25 Euro Monatslohn zusammengenäht. Man kann über diesen Kyrill sagen, was man will, es hat jedenfalls nicht mehr so stark geregnet, seit ich im Sommer die Weitlingstrasse beim Überlaufen beobachten durfte. Wenn der Wind nun auch noch halten sollte, was die Mets versprochen haben, wird er aber trotzdem kaum Krankheitserreger mit sich tragen. Von den Winden in Mumbai und anderswo erzählt Davis, dass sie Cholera und Hepatitis bei den riesigen wilden Latrinen und zugeschissenen Grünflächen aufnähmen und gleichmässig über die Slums verteilten. Also da, wo auf vielleicht sechstausend Anwohner eine Toilette kommt, die dann aber wegen irgendwelcher IWF-Vorgaben (Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen) als Profitcenter betrieben wird. Bevor die Leute da ein Zehntel ihres Tageslohns geben, lassen sie sich natürlich lieber am Fuss des nächstgelegenen Sondermüllberges nieder oder machen in irgendeinen Busch, wo die Schlange zuhause ist. Wollten sie sich dann die Hände waschen, müssten sie für sauberes Wasser, die wirksamste und billigste Medizin, die es gibt, wieder unheimlich viel Geld bezahlen. Der Handel mit sauberem Wasser ist angeblich in den Slums des Südens, wo demnächst die Hälfte aller Stadtbewohner der ganzen Welt leben wird, der profitabelste Wirtschaftszweig überhaupt. Das Wasser aus den Tankwagen, die dort geparkt sind, wo die Strassen aufhören und »die Siedlungen« anfangen, ist zwar dasselbe, das in den Reichenvierteln aus den Leitungen kommt. Hier, wohin das Mädchen aus dem Sweatshop zum Schlafen in einer Neuner-Ziegelbaracke herkommt – die Monatsmiete für die Matratze frisst ein Drittel ihres Lohns – wird das Wasser aber zum vier- oder fünffachen Preis verkauft, von einer Firma vielleicht, die dem Sohn des Bürgermeisters oder des Ministerpräsidenten gehört. In Bayern, das ist heute das zweitpopulärste Thema in den News, muss ein Ministerpräsident zurücktreten. Der Hirschhornautokrat wird von einer Beförderungswelle überspült, die er vor fünfzehn Monaten durch seinen Berliner Amtsverzicht aufzustauen begonnen hat. In Kinshasa, einer Stadt, in der demnächst so viele Menschen leben werden wie in Bayern, gibt es angeblich keine Abwasserkanalisation. Zwei Leute, die sich ein Haus mit drei Toiletten teilen, haben mir vorhin erzählt, wegen des Unwetters sei bei ihnen für dreissig Minuten der Strom ausgefallen, zum Glück aber erst, als der Frühstückskaffee schon fertig war. Wenn Regenwasser in ihren Keller dringt oder ein Ast vom Baum des Nachbarn über den Zaun fällt, spricht man von einer Naturkatastrophe genauso wie in den Slums von Kinshasa oder Mumbai, wenn es dort besonders kräftig regnet und die Leute von einer Sondermülllawine begraben werden oder in ihren Exkrementen ersaufen. Pass auf dich auf beim nächsten Unwetter, Hosenmädchen!