Monatsarchiv für July 2006

 
 

Barbara Kopple: Harlan County, U.S.A. (1976)

Doku über Kohlegrubenarbeiter und ihre Frauen, die 1973/74 für dreizehn Monate oder so streikten, bis ihre Firma sich endlich bereitfand, einen Vertrag mit der Bergarbeitergewerkschaft abzuschliessen. Es ging um mehr Geld, natürlich, aber auch um einen verbesserten Anspruch auf Lohnfortzahlung bei Krankheit, höhere Betriebsrenten und darum, die Arbeit unter Tage weniger tödlich zu machen.
Seine Dramaturgie bezieht der Film aus den wiederkehrenden Konfrontationen zwischen den Streikenden auf der einen und dem lokalen Machtbündnis auf der anderen Seite, den Bossen und ihren Vorarbeitern, wahrhaften Männern fürs Grobe, die notfalls mit vorgehaltener Waffe die Passage der Streikbrecher aufs Grubengelände erzwingen und, wenn der Arbeiterkordon doch einmal zu dicht wird, auf die Hilfe des örtlichen Sheriffs zählen können. Bei einer dieser Auseinandersetzungen wird ein Arbeiter angeschossen und stirbt kurz darauf, und erst nach diesem tragischen Unglücksfall erklärt sich die Firmenleitung bereit, Verhandlungen mit der Gewerkschaft aufzunehmen.
Kopple hat sich wohl einige Jahre lang mit dem Thema beschäftigt und die Familien der Arbeiter ziemlich eng begleitet. Das erlaubt ihr, eine Verbindung zwischen der Lebenswelt der Arbeiter und der politisch-sozialhistorischen Perspektive herzustellen, in der der Arbeitskampf steht, vor allem dem 1932er Streik. Auf den beziehen sich freilich auch die Akteure selbst, wie die alte Frau, die auf einer Versammlung mit krächzender Stimme denselben Song anstimmt, den sie schon bei dem Streik vierzig Jahre vorher gesungen hat. Grubenveteranen im Ruhestand erzählen lakonisch, wie es sich anfühlt, wenn man sich über Jahrzehnte eine Staublunge erarbeitet, später sieht man sie hochkonzentriert beim Lungenfunktionstest. Die Country- und Bluegrass-Lieder, von denen der Film extensiven Gebrauch macht, erscheinen weniger als kongenialer Soundtrack denn als legitime akustische Ausdehnung einer latent oppositionellen Volkskultur. Aber, wie schon bei »Be Here to Love Me« oder »Bright Leaves«: So beeinflusst von Hollywoods Gegenbildern bin ich, ich kann mir so simpel-sympathische Südstaatler gar nicht ansehen, ohne mir die Sache als janusköpfige vorzustellen und mir sofort reaktionäre Bible Thumpers und rassistischen Lynchmob dazuzudenken.
Bei Betrachtung der körnigen Bilder aus dem amerikanischen Provinznest habe ich auch das Gefühl nicht abschütteln können, ich sähe in eine unheimlich ferne Vergangenheit. Das hat sicher nicht nur damit zu tun, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen amerikanischer Bergarbeiter damals – mangels Montanmitbestimmung zB – erkennbar noch viel schlechter gewesen sein müssen als in Westeuropa oder selbst in jenen Bereichen der heimischen Ökonomie, die ihre Lohnabhängigen mit allen Segnungen des fordistischen Klassenkompromisses ausgestattet hatten: So fährt einmal eine Delegation der Streikenden nach New York, um anlässlich einer Aktionärsversammlung des Mutterkonzerns in der Wall Street zu demonstrieren. Einer der Bergarbeiter berichtet einem ungläubig staunenden Polizisten die Einzelheiten seines Arbeitsvertrags: Lohnfortzahlung über mehr als fünf Tage: negativ; Dental care: negativ usw.
Natürlich arbeiten und leben heute viele Prekarisierte und aus verschiedensten Gründen von Lohnarbeit Ausgeschlossene in der sogenannten westlichen Welt wieder in kaum besseren Zuständen als die Leute aus Harlan County, Kentucky, im Jahr 1974. Zu schweigen von den ungezählten Millionen auf dem Rest des Globus, die gegenwärtig den Grossteil der körperlich harten Schufterei erledigen dürfen, während wir uns schon in der wissensgesellschaftlichen Beletage angekommen wähnen.
Es gab und gibt ja auch immer noch grössere Industriearbeiterstreiks, Bischofferode, Rheinhausen oder zuletzt der Streik bei Opel fallen mir aus der Nähe ein. Bei denen hatte man aber schon das Gefühl, es seien eigentlich Karikaturen auf den Arbeiterkampf, so halbironische Wiederaufführungen im Rahmen eines Requiems auf die europäische Industrie im 20. Jahrhundert. Viel fremder, entfernter als die miesen Arbeitsbedingungen ist mir bei der uralten, vor gerade 30 Jahren abgeschlossenen Doku vorgekommen, wie die Arbeiterfamilien diesen dichotomischen (und also nur scheinbaren) Antikapitalismus vor sich hertrugen, würdige Arbeiter hier, gierige Kapitalisten da, und dass diese simple Frontstellung auch damals schon blöd war, aber wegen der Gleichförmigkeit der Lebensumstände der Arbeiter – mit ihren klar abgegrenzten Geschlechtsrollen zudem – noch viel glaubhafter als heute erschienen sein muss (daher auch wohl die Oscarwürdigkeit). Der Kapitalismus hat seitdem mindestens auch an Manipulationsvermögen unglaublich zugelegt. Die Art von positiver, eine ganze Alltagskultur prägender Gruppenidentifikation anhand kollektiven Lohnelends wie in Harlan County jedenfalls, die ist, glaube ich, an den Ursprungsorten des Industrialismus heute sehr viel seltener anzutreffen.
Am schönsten war ohnehin, mal wieder unheimlich viele Leute ausdauernd und selbstbewusst und kompetent, vielleicht sogar anarchistisch, rauchen zu sehen. Und wie sprach ein Arbeiter auf die Frage, mit welchem Gefühl er nun, nach dem leidlich erfolgreich beendeten Streik, wieder an die Arbeit gehe: »Well, going to work – I don’t feel like working anytime, but I have to go.«

Kraatzgraben

Als ich nach der Erholungsrauchpause in dem namenlosen Park zwischen den Siedlungsblöcken wieder an den drei schweigenden Biertrinkern vorüberrolle, die wie immer die Bank beim verschlossenen Bauwagen besetzt halten, frage ich mich, ob ich, wenn dies jetzt noch DDR wäre, über die ich gerade in Osangs Tamara-Danz-Buch lese, die Trinker im Vorüberrollen gegrüsst haben würde.

Roger Michell: Enduring Love (2004)

Ein Film nach dem Roman von Ian McEwan, so intensiv, dass er das irritierende Wissen um Daniel Craigs nächsten Karriereschritt fast beiseiteschiebt. Ein Ethikdozent hat sich in einen darwinistischen Liebesbegriff verliebt. Eines Tages geht er mit seiner Freundin, einer Bildhauerin, die (sich) kein Bild von ihm machen will, auf eine malerische Wiese auf dem Land. Bei einem Pappbecher Champagner wird er ihr den Antrag unterbreiten. Das ist zwar, seinem Begriff nach, nur eine sinnlose Konvention, ein kultureller Überschuss. Aber er kennt die Erwartung, in der seine schöpferische Freundin lebt: Geheiratet muss werden, fortgepflanzt muss sich werden. Und um seine Theorie in Praxis zu überführen, dazu ist er zu gern unter Menschen, diesen konventionsgebeugten Kulturträgern. Also wird er sich den Heiratsantrag abringen, mit der gehörigen ironischen Distanzierung, versteht sich. Aber erstmal geschieht das Ballonunglück. Ein Heissluftballon wird ins Bild geweht, die Gondel schlägt auf die malerische Wiese hinter unserm Pärchen auf und entlässt einen Mann. Der Mann versucht, die Gondel mit dem darin verbliebenen Jungen am herabhängenden Seil festzuhalten. Der Ethikdozent und ein paar andere Leute, die sich gerade in der Nähe aufhalten, eilen ihm zu Hilfe und hängen sich mit ans Seil oder an die Gondel, die nun in geringer Höhe über den Erdboden fährt. Es scheint glimpflich abzugehen. Der Junge setzt gerade zum Aussteigen an, als plötzlich der Wind auffrischt und den Ballon wieder emporträgt. Vier, fünf Leute, die nun hilflos wie Käfer daran hängen, lassen sich rechtzeitig fallen, bis auf einen Mann am Seil, der mit dem vom menschlichen Ballast befreiten Gefährt in eine Höhe aufsteigt, die sich, als ihn die Kraft verlässt, als tödliche erweist. Später stellt sich heraus, dass der Junge den Ballon nur fünf Meilen weiter allein heruntergebracht hat und der Mann also, angenommen es gäbe ein sinnhaftes Sterben, ziemlich umsonst gestorben ist. Die Sache mit dem Ballon ist natürlich fett allegorisch: Das Unglück schlägt, wie die Liebe, vom buchstäblich heiteren Himmel herab zu; der Rettungsversuch, wenn man so will eine spontane gemeinschaftliche Liebestat, scheitert, weil nur einer festhält und die anderen eher an ihr Individualüberleben denken; je mehr loslassen, umso leichter wird der Ballon und umso aussichtsloser der Versuch; am Ende erweist es sich als verhängnisvoll, der Konvention der Hilfeleistung überhaupt entsprochen zu haben. Der Ethikdozent könnte sich also, alles in allem, bestätigt fühlen, mit seiner Freundin nach Hause fahren und weiter seinen Studenten den biologistischen Liebesbegriff ans vom falschen Feuerschein bürgerlicher Romantik erwärmte Herz zu legen versuchen. Stattdessen quält er sich mit dem Verdacht, er könnte als Erster losgelassen haben und damit für den Tod des anderen Mannes hauptverantwortlich sein. Noch quälender aber wird ihm die widerwillig eingegangene Bekanntschaft zu einem der anderen Retter (gespielt von Rhys Ifans, schon wieder in einem Film mit prominentem Fluggefährt). Seit dem Unglückstag stalkt dieser sich immer weiter in den Alltag des nun ohnehin etwas verstörten Dozenten hinein, so sehr besessen von der Idee, die beiden seien füreinander bestimmt, dass am Ende die Freundin ums Haar seiner Eifersucht zum Opfer fällt. Dem als zwanghaft und eskapistisch gezeichneten Bemühen des Dozenten, sich einen kühl-naturalistischen Liebesbegriff zu stricken, wird also die reine Liebe des wahnsinnigen Fans entgegengestellt, voraussetzungslos, obsessiv und allem viehischen Fortpflanzungszweck enthoben. Leider eben auch unerwidert, weshalb am Ende der Dozent den Stalker aus dem Weg stechen muss, um doch noch mit der Freundin zurück auf die malerische Wiese zu kommen und den Anschluss an die ungeliebte Konvention zu kriegen. Nun gut. Diesen Film, hoffe ich, werde ich später vor allem mit einer der härtesten Darstellungen des Unbehagens in der Paarbeziehung – das Geburtstagsdinner – in Verbindung bringen können.

Terroristen über die Schulter geschaut

The Scene 2.0 [via]

#204

»Wir müssen blechen, aber… Finanzamt verschont Huren!«

In Sack und Osten

Nicht, dass das irgendeine Bedeutung für die Sache selbst hätte. Eine derartig vernagelte Diskussion jedoch, die im Prinzip auf ein jungeWelt- oder ein Springerpresse-Abo als einzig verfügbare Alternativen hinausläuft, erscheint slightly unterkomplex. Bitte nochmal nachdenken.

Roger Donaldson: The World’s Fastest Indian (2005)

Drüsenzwicker von gerade noch erträglicher Sentimentalität über die erste Reise von Burt Munro nach Bonneville. Vorn und hinten im Grund eine süsslich-beiläufige Betrachtung über zweierlei Heimat – als räumlich-soziale und als interessengebundene Beziehung – schwingt sich der Film in der Mitten zu einer Straight Story-verwandten Huldigung an die Marginalisierten und Exzentrischen auf. Der romantisierenden Aneinanderreihung von hilfsbereiten Aussenseitern durchaus nicht hinderlich ist die Ausgangslage, dass es anfangs der 60er Jahre noch gereicht haben mag, ein guter Mechaniker zu sein, um überall auf der Welt Freunde zu finden.