Monatsarchiv für June 2006

 
 

Burst

»Die Klinsmann-Manie ist die New Economy-Blase der deutschen Fußballwelt, die allerdings zehn Jahre verspätet kommt«

19. Tag: ESP – FRA 1:3 (1:1)

Die Spanier waren zwar überschätzt, gleichwohl heute das passende Gegenüber für Domenechs Vorsichtsaufstellung mit Henry als einziger Spitze. Zur Mitte des taktisch hochaufgeladenen Spiels, das in einem an denkwürdigen Partien armen Turnier zu den herausragenden zu zählen ist, egalisierte der faszinierende Ribery noch den unwahrscheinlichen Rückstand der Franzosen. In der zweiten Hälfte, nach einem Tor von Viera, fand das vorübergehende Wiedererstehen des überalterten französischen Teams seinen Höhepunkt in einer Einzelaktion Zidanes von jener Sorte, die die Erinnerung an ihn prägen wird. Durch einen Erfolg mit höchstem nostalgischen Mehrwert gelangte Frankreich auch noch an eine Neuauflage des 98er Endspiels. (Spieltipp: 0:1, 2 Punkte)

Tageskonsum: 1 Kaffee, 1 Milchk., 1 Halber u. 3 kl. Helles

19. Tag: BRA – GHA 3:0 (2:0)

Die Brasilianer traten mit hervorragend angepasster Taktik auf, die sie sich bei den Italienern abgeschaut haben mochten, machten da weiter, wo jene in der zweiten Hälfte aufgehört hatten, trugen eine Handvoll schöner Tempogegenstösse nach vorn und liessen die ganz nett kombinierenden, aber völlig ineffektiven Ghanaer (tapfer, aufopferungsvoll kämpfend, sympathisch usw., isjaklar) sich derweil totlaufen. Es war sicherlich das ungleichmässigst besetzte aller Achtelfinals, in dessen zweitem Akt auch das eine oder andere Kunststückchen dargeboten wurde. Eine souveräne Mühelosigkeit, mit der die Brasilianer – nach der argentinischen Mexiko-Episode – sich vorerst als der konstanteste der Titelanwärter etabliert haben. Wie schon im Italienspiel, stellte Asamoah Gyan gegen Ende wieder plötzliche Schwerelosigkeit hinter der Strafraumgrenze dar und wurde seiner gerechten Bestrafung zugeführt. Steffen S. sprach nach einer Viertelstunde seinen einzigen wahren Satz, nämlich dass die Brasilianer das Spiel kontrollierten. Der Rest war wieder in ausgelutschte Metaphorik gegossenes, unerträglich anmassendes Runtermachergeschwätz, in dem auch schon ein Hauch von deutschem Grössenwahn sich mitteilte. Einige Leute werden sich noch umschauen angesichts der taktischen Variabilität, über die auch Klinsmann-Löw gebieten sollten, oder eben angesichts einer sang- und klanglosen Verabschiedung der deutschen Mannschaft am nächsten Freitag. (Spieltipp: 3:1, 2 Punkte)

18. Tag: SUI – UKR 0:3 i.E. (0:0 n.V.)

Der natürliche Halbfinalkandidat musste bis zum Ausschiessen warten, um den Klassenunterschied zu den fussballerischen Hausbäckern beweisen zu können. Die bei U. anwesende Runde, darunter wieder einmal H. (Volunteer bei der hiesigen Orga, deutschlandsöckchentragend!), urteilte zwar mehrheitlich, die beiden Teams neutralisierten einander. Wer aber genau hinsehen wollte, dem konnte die Überlegenheit der Ukrainer in Spielanlage, Ballbehandlung und Torgefahr nicht verborgen bleiben. Die Schweizer gesellen sich zu den Australiern und anderen Langweilern, und die übrige Welt erwartet ein Viertelfinale, in dem die Italiener an ihre Grenzen und darüber hinaus werden gehen müssen. (Spieltipp: 1:3, 2 Punkte)

Tageskonsum: 1 Kaffee, 1x Nürnbg. W., 2 Halbe Helles, 1 Weinsch., 2 gr. Warst.

18. Tag: ITA – AUS 1:0 (0:0)

Ein weiterer unterdurchschnittlich unterhaltsamer Nachmittagskick. Man sah Italiener, die sich in ihre eigene Mauer-Lauertaktik verstrickt zu haben schienen, und wackere, aber insgesamt – auch gegen einen lange Zeit unterzähligen Gegner – zu harmlose Australier. Infolge eines nur zu 89% akzeptablen Elfers (11% Konzession für die ungerechtfertigte Hinausstellung Materazzis) in der Nachspielzeit auszuscheiden, muss bitter gewesen sein, es war aber ein kluger Eingriff der Fussballgötter, jenem Team fortzuhelfen, das als einziges von beiden sich zu steigern fähig ist. Gut, dass der volkstümliche Spuk ein Ende hat. (Spieltipp: 2:1, 3 Punkte)

17. Tag: POR – NED 1:0 (1:0)

»Der Beginn einer langen Feindschaft«, wie M. das verbitterte Gekloppe und Geklammer, das sich nach dem ungestraft-indirekten Hinaustritt Ronaldos durch Bouhlarouz entfaltet hatte, ahnungsvoll zusammenfasste. Es scheint in diesem Turnier den relativ furiosen Portugiesen die Rolle des Zombiejägers zuzufallen, der die lebenden Leichname aus grossartiger Fussballvergangenheit eliminiert: Niederlande, jetzt England. (Spieltipp: 2:1, 3 Punkte)

Tageskonsum: 2 Kaffee, 2 Halbe Helles, 2 gr. Warst., 1 Salamipizz.

17. Tag: ENG – ECU 1:0 (0:0)

Es ist zu hier und da zu lesen, den Ecuadorianern sei eine ausgezeichnete Taktikleistung zu bescheinigen. Das mag sein, allerdings erfordert es übermenschlichen Gleichmut, überhaupt etwas Positives über dieses Spiel sagen zu wollen. Der einzige Höhepunkt, Beckhams einwandfreier Freistossentscheid, fiel in unserer Übertragung einem Schluckauf des Beamers zum Opfer. Man wäre vor Langeweile eingeschlafen, wenn die zwei, drei in Ecuadortrikots gewandeten Familien – die Frauen vor allem – es zugelassen und nicht bedingungslos und ohne näheren Zusammenhang mit dem tatsächlichen Spielverlauf auf die Leinwand eingerufen hätten: nonononononooo… (Spieltipp: 0:1, 0 Punkte)