Monatsarchiv für March 2004

 
 

Cell

Die funktechnisch beschleunigte Herstellung auch des Wunsches, zu den Überlebenden zu stossen, kritisch beobachtet zu haben glauben. Ein Gefühl gedacht haben wie: Jaaa, mich hätte der Tod erst zwei Stunden später erreicht. Immer noch zu früh, aber weniger umständlich, nicht wahr? Nicht sicher gewesen zu sein vermuten, ob mit unverzüglichem Angebot des Sozialverzichts der Trauervermutung kapituliert wurde oder der gewachsenen Akzeptanz der Funktechnik. Aber dummes Zeug. Dass wir angesichts des Möglichen noch fühlen müssen und auch wollen, ist die eigentliche Eselei.

Vergangenheiten

Die Rekonstruktion der Schlacht von Gaugamela auf dem AWACS-Monitor über der nördlichen Flugverbotszone im Jahre 1997.

Zandi

In Hervé Mariton scheint heute abend das mehrheitsdemokratisch zulässige Mass politischer Niedertracht zusammengeflossen zu sein. Zum erstenmal Marietta Slomka sprechen gesehen. Sie artikuliert wie Margit Carstensens Petra von Kant. Ein Polizeichef mit strikt logischer Auffassung von Hierarchie: Sein Schnellfeuergewehr ist grösser als die aller Umstehenden, zum Fernsehinterview trägt er es über die Schulter gelegt. Es ist der Polizeichef von Babylon. In der Frühlingsdämmerung, hundert Meter vorm Hermannplatz, hat der Kottbusser Damm die rohe Sinnlichkeit von Belleville. Une Femme de ménage, die Liebe lagert sich dem Einkommen an und wird in Reproduktionsarbeit umgewandelt. Feministische Theorie im Blümchenkleid der französischen Komödie.

Marek Koterski: Dzien swira (2002)

Beim Backen auf die symmetrische Kegelform des Mehlhäufchens in der Rührschüssel bedacht sein. Die Butter nur von einer Seite schneiden wollen, und zwar von einer Schmalseite. Nach dem Händewaschen den Schaum von der Seife spülen müssen. Beim Ausziehen der wollenen Überziehsocken darauf achten, dass die rechts getragene nicht links von der anderen liegt und die Spitzen beider Socken in Wandrichtung zeigen. Stets die Milch vor dem Kaffee in die Tasse geben, den Zucker jedoch zuletzt. Überlegungen haben wie die, warum es nicht in Frage kommt, in den Vorgarten zu scheissen, obwohl der Hund der Nachbarin das auch tut.

Dripping with cum

[der politische fall-out eines gut getimten mega-attentats.] [in nordamerika oder in europa, den kernländern der westlichen welt.] [nach madrid in sichtweite, fast auf augenhöhe zu uns deutschen, im herzen der eu, also im europäischen kernland.] [dass man uns bestrafen will, weil wir ein weltoffenes land sind. damit können islamisten nicht umgehen.] [weil der tod zwischen washington und warschau, barcelona und berlin, kurzum im hedonistischen westen, nicht mehr als bestandteil des gesellschaftsvertrages angesehen werde.] [den schutz der freiheit bekommt man nicht zum nulltarif.] [eine posterkampagne (who owns this bag?) soll die aufmerksamkeit der öffentlichkeit weiter schärfen, wie die briten überhaupt vor allem auf mitdenkende bürger setzen. höchste aufmerksamkeit in bahn oder u-bahn sei zu jeder zeit lebenswichtig.] [das nachbarland wird oft vergessen.] [ein natürliches umfeld für al-qaida, etwa große muslimische gemeinden wie in spanien oder frankreich, gibt es an der weichsel nicht.] [da europa weit weg ist und es in japan kaum araber gibt, wiegen sich die japaner in sicherheit.] [deutschland – verkommen zu einem maroden großunternehmen, in welchem der patriotismus genauso vergessen scheint wie der stolz auf die westlichen werte und die besinnung auf wirklich existenzbedrohende themen.] [vom ruheraum von islamisten zum gefahrenraum.] [tausend andere ziele seien denkbar.] [alle potentiellen ziele – vom atomkraftwerk bis zur russendisko.] [niemand kennt den ort, niemand kennt die zeit.] [man möge wachsam sein und verdächtige beobachtungen und personen sofort der polizei melden.] [ob die urlaubsreise vielleicht besser in die türkei oder an die ostsee gehen sollte – bei bedarf eben in antalya statt in el arenal.] [das vorhaben, selbst touristen künftig bei der einreise den fingerabdruck abzunehmen, nicht von vorneherein ablehnen.] [die forderung, daß im falle terroristischer bedrohung die bundeswehr hilfe leisten solle.] [ein terrortaugliches grundgesetz. auf terroranschläge im al-qaida-format war das grundgesetz nicht vorbereitet.] [eine zentrale datenbank terrorismus, auf die alle mit diesem thema befassten sicherheitsbehörden zugriff haben sollen. in dieser datenbank müssen alle informationen über personen und organisationen gespeichert sein und ständig auf den aktuellen stand gebracht werden.] [weil in all diesen regionalen, nationalen, auch internationalen dienststellen vorsichtige menschen arbeiten, würde den bürgern ganz schwindelig werden vor sorge, wenn alles, was gemeldet wird, auch an die öffentlichkeit käme.] *

Gesichter der Landesverteidigung

Wieder hast du es nicht lassen können und siehst Beckstein zu Müllers wohlwollender Schnute – heute der Mann für hinter den Türen – erzählen von einem, den man nicht habe abschieben können, obwohl er in einem Ausbildungslager gewesen sei und sich Anleitungen zum Bombenbau aus dem Internet heruntergeladen habe. Sowas, sagt Beckstein, sowas müsse man doch abschieben können. Vorhin hast du noch in einem Forum no anal scenes in this? ok, then i’ll skip it. gelesen und ahnst, dass man schon mit dieser Auskunft jemanden ruinieren könnte, wenn es nur richtig angepackt würde. In Becksteins Augen scheint die Phantasie zu funkeln, endlich geschähe einmal etwas Grosses in seinem Einflussbereich, dubiose Bekennermails bringen keine Mehrheiten. Er sagt Ahnschlag, und du weisst wieder, was Heimatverbundenheit und das Europa der Regionen bedeuten. Und, wenn schon Deutschland am Hindukusch verteidigt wird, warum dann nicht auch hier Schützenpanzer vor die Bahnhöfe stellen. Aufschein ganz neuer Handlungsspielräume.
Nach einem Schnitt steht plötzlich Schily zwischen und wie einen Schritt vor Müller und Beckstein, der immer etwas genötigt blickende BuMi liess warten. Es scheint ihm, alter Strafverteidiger, merkwürdig wichtig, dass es auch immer noch die ETA gewesen sein könnte, du fragst dich, ob hinter der konkurrierenden Vereinnahmung der 200 eine telefonisch aus der Lichtensteinallee übermittelte Schweigeanfrage steht oder die Regierung erst den Deckel auf einer Sache halten möchte, bis höheres Gras über die Praxisgebühr gewachsen ist.

Die Mescalerotendenzen am frühen Abend im Überhang des Winters. Sich ausmalen, wie der Bundespräsident Köhler beim Antrittsbesuch an der Frankfurter Börse von einem herabfallenden Goldbarren erschlagen wird oder – diese Phantasie hat die höhere Wahrscheinlichkeit für sich – den Rest seiner Tage von ALGII leben muss, nachdem er sich im vierten Monat seiner Amtszeit im Park hinter Schloss Bellevue an der Leiche einer Gärtnergehilfin vergangen hat. Nur, weil er mit dem Plädoyer für BK Merkel etwas pointierter, als einem Kandidaten wohl zugestanden wird, zu erkennen gegeben hat, was schon jeder ahnt: Tölpelhafter Technokrat, zweite Wahl gemessen sogar am limitierten Kandidatenpool seiner Partei. Wie einer augenscheinlich kein Problem mit einer Medienlandschaft hat, die (ein Interview neulich) seine Tochter einmal als “stark sehbehindert”, weiter vorn der Einfachheit halber jedoch als “blind” erscheinen lässt, das ist eine der monströsen Kleinigkeiten, mit denen der Drang zu Macht und Repräsentation hinreichende Auskunft über sich selbst gibt.
Nächste Woche bricht aber der Frühling aus und man muss sich wieder mehr mit der Frage quälen, ob die Jacke mittags nicht doch zu warm sein wird.