Monatsarchiv für January 2004

 
 

Buñuels Spätwerk angesehen und sich die Bevölkerung der nordatlantischen Anti-Terrorzone ohne Bemühen als 800 Millionen Fernando-Rey-Klone vorstellen gekonnt.

Joseph L. Mankiewicz: The Ghost and Mrs Muir (1947)

Herrlich gerührt. Die Darsteller sind, wie heißt es, zwar limitiert (obschon ich die Tierney liebe wie die Kidman), Herrmanns Score hingegen ist seiner besten einer; dass der Film so funktioniert, liegt aber an der völlig unpeinlichen Behauptung der alles transzendierenden Eternal Love. Auch ein glücklicher filmischer Zufall, der die prosaischen Umstände seiner Hervorbringung weit übersteigt. Zu vertiefen mit Grafe. Wurde mir dann selbst verdächtig mit dieser morbiden Liebesidee; entlastungshalber die These erwogen, dass, was Mrs Muir ihr Geist, der insignifikanten Bloggerexistenz ihr Publikum sei. Der Sehnsucht nach Unverstrickung bis zur ideellen Körperlosigkeit nachjagen, das nackte Verantwortungslosseinwollen zuweilen sich selbst als dernier cri der Emanzipation anbieten – woher sonst der verdächtig webloghabituelle Anklageton? – und dabei doch nichts dringender bedürfen als berührungsfreien Geliebtwerdens. Oder? Ach.

Temperatur um den G-Punkt, vollbedeckt, berlinerneujahrsmorgenuntypisch trübe, Stille mit vereinzelten BSR-Fahrzeugen. Nach nur vier Stunden um neun aufwachen und annehmen müssen, der Kopfschmerz rühre von der Eierlikörfüllung des Schokopfannkuchens her, da man ansonsten nur Wein getrunken hat. Auch 2003 ging nicht vorüber, ohne noch einmal von einem dampfenden jungen Mann, der sich als Westfale bezeichnete, die Berlinerdiskussion aufgedrängt zu bekommen. Wirklich schlimm daran nur, dass man immer noch nicht weiter (cooler, schnöseliger, identitätsmäßig dekonstruierter) ist, als reflexartig “ja, ich eigentlich auch!” zu entgegnen. Die merkwürdigste Überraschung beim Heimkommen der Neujahrsgruß von L., Null Uhr dreizehn auf dem AB, ungefähr siebenmal wünscht sie (“… die Schwester von Y., Du weißt schon“) mir, dass etwas schön sei bzw. werde (2004). Gerührt durch Pünktlichkeit und effiziente Semantik, denke ich vergeblich darüber nach, womit ich mir diese Intimität einer Einundzwanzigjährigen verdient hätte. Erwäge sogar kurz, die erweiterte Hauptschülerin L. vor der drohenden Arrangementsehe zu retten und mit ihr, nicht ganz uneigennützig, einen Live-Bildungsroman zu veranstalten. So wie in diesem Siebziger-Fernsehfilm, wo eine Unidozentin sich einen Arbeiter heiratet. Wird ihr aber bald langweilig, und nach einer letzten peinlichen Äußerung auf einer Mittelschichtparty trennt sie sich von ihm, natürlich einvernehmlich. Sehe dann ein, dass ich ziemlich verzweifelt sein muss und versuche, mich mit dem Krystal Steal-Lieblingsclip (doggy style) abzulenken. Gelingt auch ganz gut, trotz neuerlicher begleitender Irritation durch die seitlich unten sich stark abzeichnenden Rippen ihres Silikonpolsters. Die auf J.s Plädoyer hin getroffene Entscheidung, sämtliche kulturellen Alibi-Optionen fallenzulassen und umgehend den Anker aufzusuchen, hat sich als gut erwiesen. Nicht nur, weil wir um zehn noch um die fünf Euro Eintritt herumgekommen sind. Das Konzept Silvester ist, wie glaubich jedes funktionierende Konzept, von vornherein nur regressiv anzueignen, und nirgends in akzeptabler Entfernung lässt sich dies auf angenehmere Weise vollziehen als im Anker, es sei denn, män wäre nicht eher heterophil oder bliebe, wie letztes Jahr, elegant allein zuhause. Herr Carrera hat aber für meinen Geschmack gestern zu häufig Zugeständnisse an die 70er/80er-Welle gemacht, der Tiefpunkt war, als die weibliche Hälfte des verbliebenen Pärchens ihren Begleiter zu “Movie Star” auf die Tanzfläche zerrte, obwohl der ersichtlich lieber die frisch empfangenen Neujahrs-SMS zuendegelesen hätte. J., der als Amateurlautenist mehr von Musik verstehen sollte als ich, entschlüsselte das Geheimnis von Herrn C.s Beliebtheit: Sein Trick sei, immer noch eine ältere Version des vermeintlich bereits bis zum Überdruss Gehörten auszugraben. Herr C., sich offenbar unverrichteter Dinge vom Urinal abwendend: eigentlich habe er ja gar nicht gemusst, aber weil das laufende Stück eines der wenigen längeren sei, habe er gedacht, er könne es mal vorsichtshalber versuchen. Wir sollten es aber nicht weitererzählen. Sehr sympathische Erscheinung, von Nahem deutlich reifer als gedacht, sein Mitgehen beim Auflegen wieder die Einbildung nährend, eigentlich nur als un- bis mittelbekannter DJ könne man mit Spaß genügend Geld verdienen. Neulich L’auberge espagnole, der Bewegte Mann für die Generation Brüssel, kalkuliertes Wohlfühlkino mit heiteren Kataströphchen für den eiligeren Teil des Europas der zwei Geschwindigkeiten. Ganz übel die Lieblingsphantasie für den soften EU-Mann, mit einer Lesbe in der Hängematte zu kuscheln und “Schade, dass du keine Frau bist.” gesagt zu bekommen. Nach demselben psychologischen Muster funktionieren ihre humanitären Interventionen: Rettungsphantasien. Und hinterher beleidigt sein, dass die sich nicht mal bedanken. Das neue Jahr fängt gut an: in der alten 6-Kilo-Lederjacke noch eine angebrochene Packung Papiertaschentücher für den Schnupfen gefunden. Marke Cien, stammt also vermutlich aus dem Winter ’98.