Monatsarchiv für December 2003

 
 

Mit A., der es wegen Augenlied wieder einmal schade findet, dass ich keinen Fernseher habe, auch noch über die Dominanz des Sehens über die anderen Sinne, die sich auch sprachlich niederschlage: Wie man ohne Beanstandung über Marginales wie Sonnenauf- und untergänge reden könne, aber, wer die taktile Schönheit des Straßenbelags beim Gehen loben wolle, mindestens für exzentrisch gehalten werde. G. in der 20: “Die Ausländer nehmen uns die Sitzplätze weg!” Seiner Dobermannmischung hat sich ein Speichelfaden halb um den Kopf und quer über das rechte Auge geworfen, aber das scheint sie nicht zu stören. Seit er einmal um ein Haar von der steilen Ausstiegstreppe unter die Straßenbahn gerutscht ist, beschäftigt den Hund beim Fahren nur noch seine Angst. In der BBC-Dokumentation von 1974 spricht LeMay im Zusammenhang mit den B29-Flächenbombardements auf japanische Großstädte ganz deutlich von collateral damage, also wurde dieser Euphemismus in den Neunzigern nur popularisiert, nicht erst geprägt. In der vorletzten Episode, die eine Bewertung der Ergebnisse des 2. Weltkriegs versucht, liefert Stephen Ambrose die “wissenschaftliche” Beglaubigung durch Platitüden wie “… never was justice better served.” Ungewöhnlich für Fernsehakademiker und – als stände ein Kurzhaarschnitt für Konformität – in merkwürdigem Kontrast zu den knoppartigen Simplifizierungen: Ambrose trägt das Haar schulterlang. Ich erkläre mir das zunächst mit der allgemeinen Lockerung der frühen Siebziger und seiner relativen Jugend – er ist Jahrgang ’36. Lese aber danach, dass Ambrose, der zwanzig Jahre später zum Bestsellerautor (“Berater” bei Saving Private Ryan und Vorlage für die Heldenserie Band of Brothers) abstieg und mit seiner als Geschichtsfabrik verrufenen Contentschmiede bis zu 3 Millionen Dollar pro Jahr einnahm, damals an seiner Doppelbiographie über Crazy Horse und Custer schrieb. Dabei, steht hier, verwandelte er sich äußerlich seinen Gegenständen an, zum BBC-Interview ist er demnach zufällig als Custer erschienen. Angeblich schrieb er eisern jeden Morgen von 5 bis 10, egal, wo er sich gerade aufhielt, dafür möchte ich ihn mir natürlich gleich zum Vorbild nehmen. Zuletzt hat man ihm mehrfach ungenaues Zitieren nachgewiesen und, weil es sich nicht um bloße Nachlässigkeit, sondern eher um eine Arbeitsmethode zu handeln schien, summierten sich die Vorwürfe zum Plagiatsverdacht. Ambrose entwickelte prompt ein finales Bronchialkarzinom. “Es ging mir sowieso nie darum, einen guten Akademiker abzugeben. Ich bin Schriftsteller.”, waren seine vorletzten Worte, bevor er letztes Jahr im Oktober gestorben ist.

Frau H., die Arme, die Dumme, wirft Antidepressiva und Schlafmittel, da hätte ich früher darauf kommen können, so grau, wie sie seit Jahren herumläuft. Vom Tabakladen-Ständer ruft es “Sein Chaos-Versteck – So hauste Saddam”. Lese was wie “Schmutzwäsche hinterm Sofa, Berge von dreckigem Geschirr, angetrocknete Essensreste” und denke: Hallo, ganz wie bei mir! Bei “Kein Badezimmer!” aber wallt dann Empörung auf, und für eine Sekunde möchte ich Monsieur H. gegen die sanierten Pressefatzkes in Schutz nehmen, was wissen die schon von unserer Körperpflege. Der Neue C. heute, ob Kollege P. denn eigentlich schwul oder heterosexuell sei, wegen des Ansatzes. Ich Idiot, nur genügsam der Auskunft E.s gelauscht, darüber dürfe er ihm natürlich keine Auskunft geben – statt C. zu kontern, warum er denn P. so einschränken wolle. Diese gremienhafte Einfalt, dieser Schubladensex, und dann auch schon theoretisch wieder nur in den Bahnen des fachlich Ausgelatschten und gesetzlich Zulässigen. Schafft Beauftragte für Sex mit Kürbissen und für Gewaltphantasien mit Haustieren, ihr kämt der Lebenswirklichkeit näher damit. Gestern extra 40 Minuten Umweg zur Stabi und wegen Kn*örers Empfehlung die Polonsky-Biographie abgeholt, obwohl sehr unwahrscheinlich ist, dass ich mehr als die ersten 25 Seiten lesen werde. Wenn ich mich ernstnähme, hätte ich schon fürs Bestellen-Abholen-Wegbringen keine Zeit mehr. Sicher schon ein halbes Jahr meines Lebens mit absolut ziel- und folgenlosen Bibliotheksgängen verbracht, insgesamt. Ja gut, hätte auch schlimmer kommen können, sag’ ich mal. A. kommt wohl auf 60 Stunden Arbeiten die Woche, dennoch jedesmal wieder das Gefühl, er sei viel besser fokussiert als ich. Flauer Scherz der Woche, anlässlich des ersten Weihnachtsgeldes: Die einzige Progression, die gegenwärtig bei mir stattfindet, ist die bei den Gehaltsabzügen. Könnte mal B. anrufen, so als monatliche Geste, bevor das ganz und gar einschläft. Denken, dass es ihr nach dem merkwürdigen Korb zu aufdringlich erscheint, und inbrünstig hoffen, sie habe schlicht keine Zeit gefunden vor lauter Dates. Das Unangenehmste damals die Vorstellung, das Bett – ohnehin nicht sehr geräumig – noch ein einziges Mal teilen zu sollen. Nicht wirklich verstanden – ach komm, 10 Minuten mit dem Fahrrad! – warum sie das persönlich nehmen, das aber auch wieder nicht eingestehen wollte, obwohl sie ansonsten Verletztheiten immer auch prima verbalisieren konnte. Geschlechtlich bin ich erloschen, von vagem Anhangdrüsenflimmern abgesehen – was J. so ostwestfälisch als “die Antenne zittert” zu poetisieren pflegt. Kann aber auch am vielen Zeh-o-Zwei liegen. Oder ein jugendlicher Diabetes vielleicht? Der bauernschlaue Körper: da hilft alle Theorie nichts. Die listige Natur: der der Fortpflanzung unwürdige Organismus schaltet sich selbst ab. A. meinte ja auch, er brauche, wie zu seinem Erstaunen festgestellt worden sei, selbst nach drei Jahren noch gar keine neue Brille – wobei er seine Brille nur benutzt, um sich neue Kontaktlinsen anpassen lassen zu gehen. Schritt für Schritt kommt alles zum Stehen, auch das Nachlassen der Sehkraft, der Kassenzuschuss kann uns mal.

Trübe, 4°C, zum erstenmal in diesem Winter Handschuhe. Faszinierend die Idee bei Murakami (oder Haruki?), in seinen Plot die (angebliche) Kontroverse um den Zeitpunkt der Einführung des Schafs nach Japan einzubauen. Meiji oder vorher? Lese in der U-Bahn Wilde Schafsjagd, als sich auf die Bank gegenüber ein japanisches Pärchen setzt. Kann mich heimlich nicht zwischen zwei absurden Wahrscheinlichkeiten entscheiden: Finden Japaner es löblich, dass Europäer japanische Gegenwartsliteratur zur Kenntnis nehmen, oder finden Japaner es entsetzlich, dass Murakami (ausgerechnet!) in Europa synonym dafür steht? Einen Bahnhof später setzen sie sich dann auch eine Bank weiter, vielleicht ist es ihnen unangenehm, der Anlass für meine Grübelei zu sein. Im Büro die unerbetene Zusage von B., dass ich natürlich im nächsten Jahr einen Anschlussvertrag bekommen werde. Allerdings vor mehreren Zuhörern, weshalb ich sofort befürchte, es handle sich um die Vorbereitung einer finalen Demütigung. Alle anderen wissen schon Bescheid und haben was zu lachen, wenn ich vom Ende überrascht werde. W., den ich sehr mag, weil er eine Verschmitztheit besitzt, die ich gern hätte, schenkt mir in der Küche den Ausdruck eines Kalenders für 2004 im Postkartenformat. Das obere Drittel ist ein ovales Passepartout für ein Foto von mir, das er vor zwei Wochen vor der Besprechung mit seiner neuen Olympus aufgenommen hat. Ist immer noch ganz begeistert, was man mit einer Kamera für nur 100 Euro anstellen kann. Und erst die mitgelieferte Bildbearbeitungssoftware! Aufrichtige Rührung, wenn ich mir W. vorstelle, wie er zuhause vor dem PC sitzt und stundenlang an meinem persönlichen Kalenderchen frickelt. Seit ich im sommerlichen Biergarten, nach einem der geplatzten Termine mit Herrn K., seine milden Klagen über seine drei Frauen (alle hochintelligent!), die ihm den Spaß am Fußballgucken vergällen, angehört habe, sitzt mein Stein bei ihm fest im Brett (nachforschen, woher diese Redewendung rührt). Bin ja auch einer von gefühlten 30 Prozent offen heterosexuellen Kollegen. Einer, mit dem man zB ein M. oder C. betreffendes Augenzwinkern wechseln könnte. Heute wieder ein Neuer da, macht bei der Vorstellungsrunde, was ungewöhnlich ist, mit seinem Privatleben bekannt. Arbeit bei einem Projekt für schwule Jugendliche, Coming-Out-Beratung u.a., die eingetragene Partnerschaft (“… letztes Jahr haben wir geheiratet, also…”) figuriert dann gleichsam als logischer Abschluss seiner Karrierevorbereitung. Emanzipation als Rückschritt, gelebte Dialektik sozusagen. Mit der Eheschließung – Scheinehen vielleicht ausgenommen – irgendein politisches Statement in Verbindung bringen zu wollen, ist untrügliches Zeichen von Konservatismus. Außerdem: Wer hat überhaupt noch Lust auf diesen identitären Geschlechtsrollenschwindel? Die Zahnärztin ist heimlich enttäuscht, dass ich mich nicht für Kunststoff (32 Euro), sondern für Zement (0 Euro) als Werkstoff für die Zahnhalsverblendung entscheide. Nachher legt sie mir nahe, eine gründliche Zahnsteinentfernung mit Salzlösung zu erwägen. Eine Stunde, auch hinten, wo man sonst nicht so gut rankommt. Kostet dann ungefähr 80 Euro, die Kasse übernehme das ja leider nicht mehr. Wenn sie aber so sehe, wofür alles die Leute Geld übrighätten, Zigaretten usw., könnten 80 Euro so schlimm nicht sein. Zum Thema überflüssiger Luxus fällt mir leider erst auf dem Heimweg ein, sie nach ihrem Wohnbezirk zu fragen. Fünf Zimmer in Kudammnähe, das muss ja nicht sein, oder, Frau Doktor? R. verschickt inzwischen ganz routiniert 5 MB große Videoanhänge Marke Lustig, aber Ironie erkennt man bei ihm immer noch an den Anführungszeichen.