Monatsarchiv für September 2003

 
 

Schreitende Einbildung

Wer früh auf dem Arbeitsweg ist, erreicht nicht nur rechtzeitig den Ort der abhängigen Beschäftigung. Man kann sich unterwegs, während die anderen Arschlöcher an einem vorbeihetzen, auch noch vormachen, so nötig wie die hätte man es gar nicht.

Sehr gut das Brigittenspecial über Minijobs, von der Frau nebenan genau die Viertelstunde lang studiert, die der Bus im dicksten Arbeitslosenverkehr für 650m Elsenbrücke gebraucht hat.
Rothaariges Model im Scheuerkittel lehnt sich auf Wischmoppstange und zuversichtelt mit gefaktem türkischen Namen in die Kamera, dass zwischendurch viel mehr Zeit für die elfjährige Tochter bleibe, seit sie “zwei Postfilialen in der Gebäudereinigung” mache.

Isch-AG

Nach einem wie üblich nur unmerklich erwiderten Blick aufs Konto vorhin doch den Friseurladen ausprobiert, der vor zwei Wochen hier in der Sonderwirtschaftszone Neukölln (Waschen+Schneiden acht Euro) aufgemacht hat. Warten, bis die Kundin mit der komplizierten Spitzentönung fertigbedient war (“Wat, siemßwanßisch Euro, ick hab do’ bloss ßwanßisch injesteckt!” – Na gut, dann eben zwanzig. Ist ja nicht zu ändern, ich kann Sie ja nicht umbringen hier.”).
Wegen Schmidt-Seehoferscher Bonusheftskepsis dieses Jahr noch nicht zum Zahnarzt gewesen, deshalb zum erstenmal seit Mai 2002 wieder Gelegenheit zum Close-up auf die Produkte des deutschsprachigen Zeitschriftenwesens. Auch dabei die Bunte vom 18. August mit einem Photoreport über Franka Potente, wie sie in Amerika einkauft. Dass sie sich für eine Schauspielerin halten lässt, habe ich der bekanntesten Dülmenerin sofort verziehen, als sie im kalifornischen Nachmittagslicht noch aufgeschwemmter aussah als ich unterm Halogenfluter vor dem Wella-Torsospiegel. Auf einem der Photos sah man die ehemalige grosse Hoffnung des deutschen Films in Jeans eine bullige Tüte in den Kofferraum ihres Wagens heben, die BU lautete: “So stellt Franka Potente eine Einkaufstasche in den Kofferraum.” Gleich gedacht, “Hey, es gibt also schon einen deutschen New Yorker!” Zwanghaft investigative Magazine hätten doch geschrieben: “Wie Franka Potente eine Einkaufstasche in den Kofferraum stellt.” Noch bis nach dem Schneiden riesige Zuversicht für den Journalismus in Deutschland empfunden.

Sich immer wieder bei dem Denkgefühl ertappen, es sei ein ermutigender Kontrast, wenn eine Kopftuchträgerin mit Kreditkarte bezahlt und eine SMS in ihr Mobiles kniepelt. Bevor noch die Frage andämmert, wie die Krankheit beschaffen sei, die man mit solcherart Ermutigung zu lindern trachtet, bereits das Gesicht unter dem Tuchsaum nach Zeichen von Mitteleuropäischem durchsucht haben und “schade, doch nur Mariendorfer Konvertitin” linnésieren. Zwanzig Minuten Selbsthass bis hin zur Vermutung, der Satz “Alle Identität ist Ideologie” müsse, wenn es einem wirklich ernst damit wäre, auch für das mitgebrachte Maxibrötchen gelten.

Nimm doch Vernunft an!

»Der Überlegung nachzugehen, daß Nietzsche eher als Vorläufer Adornos zu lesen sei, wäre einem Schwerpunkt ‘Nietzsche und/trotz Adorno’ vorbehalten, vielleicht im Jahr 2001. An dieser Stelle sei nur der Gedanke aufgeworfen, daß Nietzsches Wahnsinnigwerden angesichts der neu heraufziehenden ‘Vernunft’ von Rasse, Volk, Nation und Geschichtsteleologie im Jahr 1889 das Vernünftigste war, was er tun konnte, gleichzeitig die radikalste vorweggenommene Konsequenz aus der mehr als fünfzig Jahre später formulierten Erkenntnis, daß es kein richtiges Leben im falschen gebe.«
Aufgeschobenes aus der Faust-Redaktion