Monatsarchiv für June 2003

 
 

»Kannst du dir eine Weltmarktgesellschaft vorstellen, mit einer Weltregierung, die durch freie Wahlen von mehreren Milliarden Menschen zustande kommt? Das ist doch Unfug.« Q

Grimmstr.

Ab 75 solle die Rente jedes Jahr um 10 Prozent gekürzt werden, habe er vorhin gelesen. Was? Nein, wer das nun wieder gefordert habe, sei ihm gerade entfallen, aber er habe sich extra vergewissert, dass das keine Zeitungssatire gewesen sei, weil, er habe es ja zunächst selber nicht glauben wollen. Klar, also mal angenommen, man empfände so etwas wie Identifikation mit dieser geographisch-politischen Entität namens Deutschland, dann, ja dann müsse man sich vielleicht Sorgen machen. Um die deutschen Rentner. Um die deutschen Zähne. Um die Antisemiten auf den Abstiegsplätzen. Mal angenommen, man sässe nicht hier postmodern distanzwattiert in der Kreuzberger Thekennische. Mit der EU, das hätten sie fein eingefädelt, da lasse sich dann immer irgendwo jemand auftreiben, dem es noch schlechter geht. Das Schliessen von Gerechtigkeitslücken, fantastisches Schauspiel, das uns geboten werde, wir sollten dankbar sein, dass wir das noch miterleben dürften. Ach ja, in Indien gebe es übrigens über zweihundert Feiertage im Jahr, es habe eben auch Vorteile, viele Götter zu haben. Wir hier hätten ja bloss zwei, den katholischen und den evangelischen, haha. Aber demnächst werde dann wohl Horst Seehofer zum dritten Gott ausgerufen. So weit sei es ja schon, nicht wahr. Jemand wie der – ein CSU-Vollidiot, immerhin! – sei öffentlich ein wenig angepisst, dass er die nächste Sauerei nicht selber habe ankündigen dürfen, und sowas sei dann eine solche Sensation, dass man sofort erwarte, am nächsten Tag werde er im Bundestag seinen nackten Arsch herzeigen und dann das Rednerpult anzünden. Aber dass jetzt den Bullen das Urlaubs- und Weihnachtsgeld gestrichen werde – vorzügliche Idee. So, mehr werde er aber jetzt nicht sagen. Man denke ja jetzt, wenn man nicht aufpasse, hauptsächlich Gedanken, mit denen man nicht vor die Haustür gehen dürfe.

MCA

10 Jahre Solingen. Verlässt man sich auf die grösseren Nachrichtenkanäle, könnte man auf die Idee kommen, rassistische Mordanschläge seien selten geworden. Vielleicht läge man damit nicht einmal sehr weit neben der Wirklichkeit. Was aber einer oder eine Million allein erlebt, ist nicht passiert, wenn es nicht wenigstens auf die Schaumkrone des Polizeiberichts gespült wird. Der Normalbetrieb von Nation, Rasse und Kultur provoziert keine Berichte, weil er als stiller Produktionsfaktor in die Gesamtrechnung eingeht. Von Interesse nicht, was die Ausländer, sondern höchstens, was das Ausland denkt. Nicht berichtet wird von der vorbeugenden Feindseligkeit auf den Ämtern, von den mitreisenden Demütigungen in den Verlautbarungen der Innenminister und Schulräte zu fixen Ideen über Sprache und Verhalten, von drohenden Blicken, Pinguin gerufenen zehnjährigen Mädchen und vom Ausspucken junger Herren en passant.
Eine Lichtenberger Seitenstrasse gegen 20 Uhr, tief in der Legalität. Ein Mann und eine Frau, beide etwa Ende dreissig, stehen vor einem Toyota mit polnischem Kennzeichen, der exakt mittig in der Parklücke ruht. Ordnung herrscht. Nur das Kennzeichen eben. Wenn es nämlich ein Toyota mit einem B-Schild wäre, müsste der Mann jetzt nicht dastehen und der anderen Hälfte der Verfolgtengemeinschaft erklären, dass, wenn es so weitergehe, man die bald um Erlaubnis fragen müsse, ob man vor dem eigenen Haus parken dürfe. Man könnte sich nun ausdenken, es wäre nicht um die einschlägigen Konstruktionen gegangen, die auch in Solingen motivgebend waren. Vielleicht hatten sich die beiden in einer Selbsthilfegruppe von Toyotaphobikern kennengelernt und erlitten gerade einen Rückfall? Ja, gewiss. Es ist niemand bedroht oder angegriffen, nicht einmal ein Auto zerkratzt worden. Trotzdem wieder vom Entsetzen gepackt und das Gefühl gehabt, Zeuge eines schweren Verbrechens geworden zu sein. Nichts unternommen, keinen Faustschlag, kein Argument, keine Umarmung verabreicht, nur auf dem Weg zur Bushalte mich innerlich zugleich aufs deutlichste von diesen Leuten distanziert und so tief es ging in ihr gedachtes Elend eingefühlt. Was gehen die bekloppten Lichtenberger mich an? Was geht mich mehr an, hier und jetzt, als der verzweifelte Hass dieser Menschen? Weblogeintrag geschrieben, mitwissender Zuschauer geblieben.

Elektronisch archivierte Theorie: Sammelpunkt