Monatsarchiv für April 2003

 
 

kritische masse weblog

»by decoupling gender from parenting altogether – confining ‘mother’hood only to pregnancy – all people should consider themselves on equal footing for this responsibility of parenting. moreover, by removing the availability of family ties based on the crude act of ejaculation, men would have to actually work to earn this status, presently accomplished now either such copulation or by simply having the legal status of husband to the child’s mother

die zukunft des gehirns: »viren bedrohen uns nach art der terroristen. beide, das virus und der terrorist, sind unsichtbar. beide operieren global. […] sogar das transportmittel, mit dem die gefahren uns erreichen, ist das gleiche: das flugzeug. wir selbst sind es, die dem virus wie dem terroristen den verbreitungsweg zur verfügung stellen, der ihnen erst ihre ganze tödliche macht verleiht. […] von vertuschen oder verschweigen kann in deutschland keine rede sein, ganz im gegenteil. jede woche landen bei uns rund 30000 passagiere aus asien […] dort, wo mensch und tier gedrängt zusammenleben, wie in asien […] auch für die viren ist die welt zum dorf geworden. diese gefahr werden wir nie ganz kontrollieren können, so wenig wie den terrorismus.

formen des journalismus verhältnisse, von denen wir glaubten, sie gehörten in unserer gesellschaft der vergangenheit an, kehren zu uns zurück.«

bas kast, der terrorist virus (tagesspiegel, mit ministererlaubnis)

freund s., für seine unzuverlässigkeit bekannt, erzählte mir vorhin folgendes:

“in der u-bahn sah ich heute wieder joachim fest. er stand, obwohl auch genügend sitzplätze frei waren, an seinem lieblingsplatz auf der mittleren plattform, blickte unruhig um sich und murmelte unverständliches. an jeder station aber öffnete er die türen und rief, dabei heftig mit dem bronzefarbenen faz-kuli fuchtelnd, in den bahnhof hinaus: ‘jetzt bricht alles auseinander! das wertesystem, die institutionen erlahmen! das vaterland … verschleudert!’ ein bisschen anstrengend, aber völlig harmlos, der gute alte joachim, ganz so, wie man ihn kennt, wenn man regelmässiger gast der bvg ist.

ich versuchte, nicht hinzuhören und mich auf meine lektüre zu konzentrieren, was mir aber nicht gelingen wollte, weil der junge mann, der rechts von mir sass, jede einzelne seite des krankenkassenmagazins, die er fertiggelesen hatte, zunächst so weit umblätterte, dass sie sich in der waagerechten befand, um dann, die zeitschrift in der rechten haltend, durch einen präzise geführten schlag mit der linken handkante den offenbar heftigen widerstand des papiers endgültig zu brechen.

an gefasste lektüre war also auch nicht zu denken. weil er mir sowieso immer ein bisschen leidtut und ich nur noch vier stationen zu fahren hatte, rief ich joachim fest und bat ihn, sich neben mich zu setzen. er ist zwar berüchtigt für den gestank des endes, welcher von seinem burberry-sakko ausgeht, aber für die paar minuten wollte ich das zu ignorieren versuchen, und sicher würde es ihm guttun, wenn ihm mal wieder jemand zuhörte. er kam auch sofort ins erzählen, wie es damals gewesen war, als in berlin kein stein mehr auf dem anderen stand, dass zwischen fiction und nonfiction – er sagte wirklich so – gar kein grosser unterschied bestehe und – hier senkte er ein wenig die stimme – die besten sachen in der deutschen literatur sowieso von historikern geschrieben worden seien. schliesslich, ich war schon fast am ziel, erzählte er noch, dass jetzt bernd eichinger mit 13,5 millionen euro, die ihm die gez zugesteckt hätte, einen künstlichen schnurrbart für bruno ganz kaufen und dann für einen hitlerfilm einige sehr authentische strassenzüge in st. petersburg zerstören werde. und das tollste daran sei, dass er für diesen teuersten aller deutschen untergangsfilme die vorlage geschrieben habe.

dann musste ich aussteigen, joachim fest begleitete mich noch bis zur mittelplattform. auf dem weg zum ausgang hörte ich, wie ein älterer mann zu einem jüngeren sagte, ‘…wenn bei den massen das bewusstsein nicht vorhanden ist, hat die aktion keinen sinn, das ist politisches abenteurertum!’. während sich schon die türen des zuges schlossen, rief auch ganz hinten wieder joachim fest, alles werde auseinanderbrechen, aber er hatte hörbar mühe, sich gegen die warnung vor den gerade jetzt wieder besonders aktiven taschendieben durchzusetzen, die in diesem moment, wie stets zur vollen stunde, aus den lautsprechern tönte.”

irgendwann gegen ende des letzten jahrhunderts hat mich ein freundlicher älterer mensch aufgeklärt, dass prokla aufgelöst “probleme des klassenkampfes” heisst. seitdem lese ich – wie zuvor – ausgabe um ausgabe dieser zeitschrift, stosse jedesmal auf sieben bis acht überwiegend interessante aufsätze (in der mehrzahl zum jeweiligen schwerpunktthema; über die website zugängliche volltexte hier), und fühle mich trotzdem ganz konspirativ dabei, obschon – wie zuvor – nicht mehr dran ist als kritische sozialwissenschaft. das wird, ist zu befürchten, solange weitergehen, bis die gesellschaftlichen rahmenbedingungen es redaktion und verlag erlauben, die irgendwann im verlauf von 32 jahren eingeschlichene vollständige mystifikation des titels rückgängig zu machen.

in heft 129 (arbeit und arbeitsmärkte) befindet sich ein beitrag von christoph engemann, in dem foucaults beschreibung panoptisch strukturierter prozesse der (selbst-) disziplinierung auf gegenwärtige verfahren der arbeitsorganisation angewendet wird. stichworte: verlagerung des marktes ins unternehmen hinein (profit centers, arbeitsgruppen), allseitige kundenorientierung, definierte standards (v.a. iso 9000ff.) des effizienz-, kosten- und qualitätsmanagements und damit einhergehende permanente evaluation von arbeitsprozessen und -ergebnissen mithilfe von selbst- und fremdbewertungen (teambesprechungen), mitarbeitergesprächen (termin beim chef), computerisierter verlaufserfassung etc..

ergebnis dieses prozesses, welcher die bedürfnisse der ausdifferenzierten mitarbeiterpersönlichkeit einzubeziehen erlaubt (notwendigerweise unter aufgabe des “klassenstandpunktes”, wie engemann trocken fussnotet), häufig ein gelockertes zeit- und arbeitsortregime bedingt und vom einzelnen deshalb idealerweise als zunahme von handlungs- und entscheidungsspielraum erlebt wird, ist mit engemann die herausbildung einer neuen arbeitssubjektivität. die moderne arbeitsorganisation scheine die opposition von repressiver arbeitsordnung und freier persönlichkeitsentfaltung aufzuheben und damit klassische emanzipationsversprechen der linken einzulösen. gefragt sei heute nicht mehr das foucault’sche disziplinarsubjekt – der arbeitnehmer noch der fordistisch-industriellen produktion -, sondern ein mitarbeiter mit “high involvement”, der das panopticon der permanenten evaluation internalisiert hat, beständig die veränderlichen marktanforderungen antizipiert und seine individuellen ressourcen gewinnbringend einsetzt.

nach einem fernsehgeschichtlichen abriss zu “big brother” – und dem hinweis, dass dieses und andere sendeformate (z.b. dsds) den vorteil bieten, den kostenträchtigen prozess der kandidaten- und talenteauswahl in die verwertungskette einzugliedern – beschreibt engemann die containershow (“ein arbeitshaus im 21. jahrhundert”) als medial überhöhte (um nicht zu sagen medial konstruierte) widerspiegelung der arbeitswelt:
“in der bisher wiedergegebenen skizze moderner arbeitsorganisationstechniken dürfte deutlich geworden sein: im setting von big brother finden sich deren wesentliche elemente wieder. der hoch involvierte, selbstbestimmte arbeitnehmer von heute, bei dem arbeitskraft und person in eins fallen, dessen improvisationstalent gefragt ist, dessen subjektivität als ressource dient, entspricht dem leistungsprofil des idealen big brother bewohners.
den subjekten der arbeitswelt wird ebenso wie den spielteilnehmerinnen des big brother hauses eine distinkte individualität abverlangt. diese ist aber produkt der permanenten vermittlung des eigenen handelns mit den antizipierten ansprüchen anderer: die der kunden, des unternehmens, der zuschauer. die antizipation wird gestiftet vor dem wissen um die ständige sichtbarkeit und die permanenten tauglichkeitsprüfungen, denen die subjekte in den mit panoptischen arrangements durchsetzten (arbeits-)umwelten unterliegen.” (s. 615)

die analogie zwischen kranker fernsehshow und kranker arbeitswelt fällt recht kräftig aus, erklärt aber die von jener ausgehende attraktion auf vergleichsweise riesige zuschauermengen für meinen geschmack überzeugender als die auch im programmtitel verheissene gelegenheit zum ausleben von totalitären überwachungsphantasien. die meisten leute finden nämlich, vermute ich, die rolle des (ihres!) chefs im mitarbeitergespräch erheblich interessanter als die des uneingeschränkt herrschenden diktators. und ein solches verständnis erklärt auch, warum die “bewohner” der ersten sendestaffel selbst – als taugliche agenten ihrer arbeitssubjektivität – sich gegen die einstündige beobachtungspause aussprachen, die vom sender als zugeständnis an die landesmedienanstalten eingerichtet, inzwischen aber wieder gestrichen wurde.

elemente der schlachtbeschreibung IV:
– artillerie-beschuss, erschütternder
– ausbildungslager für terroristen, entdecktes
– banden, marodierende
– berichterstattung, gestattete
– [feuer, freundliches]
– fraternisierung, unvermeidliche
– geschichten, zurückgebrachte
– iraker, winkende
– journalisten, eingeschlichene
– land, nach vorbild zu formendes
– leichenhalle, versiegelte
– nichtteilnehmer, vertröstete
– ölindustrie, zu entstaatlichende
– presseausweis, gezogener
– protegé, diskreditierter
– protestnote, scharfe
– raketensysteme, betreute
– selbstmord-attentate, erwartete
– soldaten, zusammengezogene
– staaten, kriegsunwillige
– tote, zahlreiche
– verletzte, unzählige
– version, offizielle
– zahlen, zurückgezogene

ging es etwa nicht nur ums öl, letztlich? krieg war auf jeden fall keine lösung. dieses ewige warten, und der wind spielte mit den haaren von antonia rados. man konnte sich wenigstens darauf verlassen, dass die amerikaner schon keine lust haben würden, ihr gesicht zu verlieren. als es losging, fand man es furchtbar. sie taten es wirklich, und man musste hilflos zusehen. man ging am samstag zur demo, obwohl es nichts nützen würde, und sah sich abends animierte landkarten an, lichtblitze im nächtlichen bagdad und reporter auf panzern. wieviel farbe nötig gewesen sein mochte, um all diese fahrzeuge dem irakischen sand anzupassen, und wie schnell sie fuhren! antonia rados trug jeden tag eine frische bluse, mitten im krieg, es war klar, dass es nicht lange dauern konnte bei dieser überlegenheit. mit den arbeitskollegen – auch sie hofften, es würde möglichst wenige zivilisten treffen – besprach man die tagesschau und wunderte sich ein bisschen, dass die raketen scheinbar in stets dieselben gebäude einschlugen. peter scholl-latour trug immer noch halstuch und sagte, man dürfe keiner der beiden seiten glauben. es konnte nicht stimmen, was die amerikaner behaupteten; um das zu wissen, hätte man die bilder von diesem marktplatz gar nicht gebraucht. ein armenviertel im nordosten, so ähnlich wie belleville vielleicht? komisch, wie sich die ungerechtigkeit noch im krieg fortsetzte. immerhin, die iraker hatten sich doch besser vorbereitet als beim letztenmal. gegen eine gut verteidigte stadt konnten die modernsten bomben nichts ausrichten, da musste man praktisch zu fuss reingehen, wegen der zivilisten. ob sich die marines jetzt ärgerten, dass sie auf diesen humanitätsflitter rücksicht nehmen mussten? überhaupt: fast alle amerikanischen soldaten wurden marines genannt, dabei hatte man gedacht, so hiessen nur die angehörigen der elitetruppen. seit tagen schon waren es noch achtzig kilometer bis bagdad, die amerikaner hatten sich verfahren und steckten im sandsturm fest. klarer heimvorteil. wenn es so weiterging, würden sie ihr zweites vietnam erleben. nicht einmal die nachschublinien hatten sie richtig geplant, man durfte wohl annehmen, dass ihre panzer auch nicht sparsamer waren als ihre autos. und sie sollten sich mal nicht so haben wegen der paar pows und einer taxibombe. klar, saddam hussein – mal angenommen, er lebte überhaupt noch – war immer noch ein schlimmer diktator, und ausserdem fing er jetzt an, so unappetitliche islamistische parolen von sich zu geben. andererseits: was blieb der irakischen führung übrig, schon stalin hatte schwer auf grossrussland machen müssen, um seine leute bei der stange zu halten. selbst den schiiten war das hemd näher als der rock, das hatte man sich ja denken können. aber warum die briten sich allein um basra kümmern mussten, wurde auch nirgends erklärt. die engländer waren wenigstens zivilisiert genug, jetzt nur noch mütze zu tragen und den leuten mit einem lächeln zu begegnen. sie blieben eben doch irgendwie europäer, ausserdem kannten sie sich im irak wohl noch ganz gut aus, von damals her. dann hiess es plötzlich: nur noch dreissig kilometer bis bagdad, aber wer wollte das nachprüfen, im grunde lagen sie ja immer noch am euphrat herum. wo kam der euphrat eigentlich her? es sah aber so aus, als hätten die amerikaner jetzt endgültig die geduld verloren, sie schmissen schon dauernd diese bunkerbrecher und clusterbomben. komisches gefühl musste das sein, eine bombe segelt am fallschirm auf dich runter. aber dass es immer noch leute gab, die sich ernsthaft über explodierende geburtskliniken aufregten, war auch merkwürdig. als liesse sich das vermeiden, wenn es hart auf hart kommt. dann noch zehn kilometer, es hiess, der flughafen sei praktisch eingenommen und man könne im stadtzentrum schon die geschütze hören. die amerikaner hätten das schwerste noch vor sich, sagten die experten. aber woher wollten die wissen, dass die iraker jetzt nicht einfach die gewehre wegschmissen? es war ja doch nicht mehr zu gewinnen. und so schlimm konnte es gar nicht gewesen sein, schliesslich stand antonia rados immer noch in bagdad auf der strasse. immer noch mit frischer bluse. ob die zivilisten jetzt schon offen darüber reden konnten, dass sie sich auf die demokratie freuten? vielleicht war es doch besser so, ein ende mit schrecken halt, aber ein ende. und erst zwei wochen vergangen, wenn jetzt nichts mehr schiefging, konnten die amerikaner mit saddam immer noch schneller fertig sein als hitler mit polen. rein zeitlich gesehen, natürlich. vielleicht kam es ja wirklich so wie von schröder gefordert, und die iraker durften sogar ihr öl selber verwalten. sicher, das mit der vorzeigedemokratie, leuchtturm und so, war ein bisschen übertrieben. aber immerhin. dumm nur, dass dann im fernsehen monatelang wieder nur die arbeitslosen kamen.