Monatsarchiv für March 2003

 
 

Vor dem nächsten Krieg sollte man sich die Verlaufsprognose nicht bei Ulrich Wickert holen, sondern bei Wolfgang Fritz Haug, der Folgendes spätestens eine Woche vor dem ersten Bombardement geschrieben haben dürfte:

“[…] Außerdem setzen sie [Bush und seine Berater, mv] auf einen zu schnellem Erfolg führenden Bewegungskrieg. Die Zweifel erfahrener Militärs werden ignoriert. Die ‘Falken’ sind fast alles Zivilisten.” (S. 17)

In Heft 249 des Arguments erklärt Haug (“Herrschaft ohne Hegemonie?”), wie immer bis zu den Knien in Gramsci stehend, warum der Irak-Krieg (beim nächstenmal schreibe ich dann Golf III) gerade nicht als Auftakt eines Zeitalters der US-Hegemonie zu deuten ist, sondern als Krisensymptom des amerikanischen Hegemonismus im Übergang zur Konkurrenz verschiedener Imperialkonzepte. Entsprechend bestimmt der Kriegsverlauf mit, wie weit sich der hegemoniale Multilateralismus gegenwärtig entwickelt: Je länger das Morden dauert, desto rascher wird das Fundament erodieren, auf dem die internationale Stellung der USA ruht. So weit, so einsichtig. Gut dabei auch, wie Haug die jenseits des Blut-für-Öl-Horizonts dümpelnden Thesen der üblichen Verdächtigen (Wallerstein, Altvater, Hickel, Münkler) über die Motive der Bush-Administration referiert.

Dagegen erstaunt – mich zumindest – immer wieder die Vorhersehbarkeit, mit der selbst kürzere Aufsätze wie dieser in die Suche nach dem historischen Subjekt, welchem der kapitalistischen Globalisierung todesmutig sich entgegenzuwerfen aufgetragen ist, zu münden pflegen. Nicht nur wird der – wie immer globalisierungskritischen – “Bewegung der Bewegungen” der kommende “hegemoniale Multilateralismus” als “langfristig besserer Ausgangspunkt” vorhergesagt – warum eigentlich?; zugleich werden die zu grossen Teilen mit der bestenfalls dümmlichen Bush-Hitler-Parallele operierenden, zum kleineren Teil auch unverschämt in antisemitischen Stereotypen watenden Demonstranten des 15. Februar kurzerhand der Linken subsummiert, deren Handlungsbedingungen sich durch die Dyshegemonie der USA verändert hätten. Kurzerhand, damit meine ich flott hingeworfene Behauptungen wie diese im Editorial:

“Doch am Ende des 20. Jahrhunderts ist eine neue und neuartige Bewegung aufgetaucht, die globalisierungskritische Bewegung […], die sich seitdem zur ‘Bewegung der Bewegungen’ für eine Globalisierung von unten entwickelt und von Mal zu Mal an Schwung gewonnen hat, bis sich angesichts amerikanischer Kriegspolitik eine fast beispiellose weltweite Friedensbewegung an ihr auskristallisiert hat, vorbereitet zuletzt durch die Demonstration beim Europäischen Sozialforum in Florenz”

In Florenz vorbereitete Auskristallisierung der Friedensbewegung! Glaubt eigentlich ausser mir noch jemand, dass geschätzte drei Viertel der Demonstranten an der Siegessäule, wie man sie auf dem Umschlag des neuen Argument-Heftes sehen kann, auf Florenz angesprochen, nur sehr, sehr ahnungslos geschaut hätten? Und bin ich der einzige, der aus Gesprächen mit voll im Erwerbsleben stehenden Menschen den Eindruck gewinnt, dass – allem Jammern über Lohnverfall und Sozialabbau zum Trotz – selbst relativ harmlose und hierzulande noch nicht mit Folter belegte Gruppenegoismen wie der Betriebsrat etwa so populär sind wie ein Osterspaziergang mit der dementen Grosstante in Bottrop? Alles, was sich im Moment herauskristallisiert, ist die Koalition derer, die den Schiss vorm Chef als Naturgesetz anzuerkennen willig sind. Man sieht vor allem, wie sich über alles der Nebel der Warenform legt. Vielleicht erklärt Haug im nächsten Heft, woher er unter diesen Bedingungen die Hoffnung bezieht. Es ist aber alleweil gut, dass es Zeitschriften wie Das Argument (noch) gibt. Um das Wünschen nicht zu verlernen, und sei es nur der Wunsch, ein verändertes Erscheinungsbild nicht zum genialischen Relaunch zwecks Gewinnung neuer Leserschichten umgeheuchelt zu finden, sondern zur Abwechslung so erklärt:

“Zum Auftakt ihres fünfundvierzigsten Jahrgangs präsentiert sich diese Zeitschrift in neuem Gewand […]. Mit dieser Veränderung im Erscheinungsbild sind einige gute Nachrichten mit einer schlechten verbunden. Die schlechte vorweg: Die Höhe haben wir um einen knappen Zentimeter verringert und sind damit aufs Format der meisten Zeitschriften […] eingeschwenkt. Wir tun das nicht, weil es uns besser gefiele. Aber das Ende der unflexiblen Massenproduktion des Fordismus hat die Papierproduktion nicht erreicht, jedenfalls besteuert der Markt gnadenlos jene Abweichung vom ‘Normalformat’, mit der wir 1966 […] mit demonstrativer Chuzpe das Erbe der Zeitschrift für Sozialforschung angetreten haben […].”

»am ende macht der verschwörungsglaube es leichter, die eigene passivität für eine welterkenntnis zu halten. man arbeitet geduldig für die filmindustrie und sieht draussen als schattenhafte gespenster agenten am werk, die eine gerechte einrichtung der welt durch private ränke verhindern. man selbst will es ja privat anders. doch die familie der schaudernden weltversteher und die familie der bösen weltausbeuter stehen sich unversöhnlich gegenüber. der club der bösen hat dabei die macht, und gegen amerika ist kein kraut gewachsen. so erleichtert das studium klandestiner quellen im internet die identifikation mit einem netzwerk der besseren, ohne ein einziges mal politisch tätig geworden zu sein

elemente der schlachtbeschreibung II:
– explosion, heftige
– fotostrecke, mehrmals täglich aktualisierte
– geschäftsstrasse, belebte
– killerteams, geheime
– markt, belebter
– menge, aufgebrachte
– ölfelder, gesicherte
– rauchwolke, riesige
– raum, arabischer
– räume, frei werdende
– selbstmordanschlag, erster seit beginn des krieges
– selbstmordattentäter, schlange stehende
– soldaten, arglose
– soldatenlohn, karger, durch allerlei zuschüsse versüsster
– terror-komplott (des kriegsgegners)

Seit dem 11. September (kann man das jetzt eigentlich wieder schreiben?) weiss man: Heutzutage werden Flugzeuge nicht mehr einfach so entführt. Als berichtet wird, der Entführer wolle wahrscheinlich von Athen nach Berlin weiter, überlege ich sofort, ob es ein Vorteil ist, dass in Neukölln viele Muslime wohnen, oder ein Nachteil, dass sie mehrheitlich Sunniten sind.

In der Donaustrasse steht ein weisser 316i, auf dessen Heckscheibe jemand mit roter Window ColorFRIEDEN!” gemalt hat. Weil ich spät dran bin, kann ich nicht dem Bedürfnis folgen nachzusehen, ob auf der Frontscheibe dasselbe in Spiegelschrift steht.

wir deutsche wissen, wovon wir reden – auch und vor allem in berlin, unserer alten reich einer großstadt, die noch niemals in der geschichte vom feinde besiegt militärisch eingenommen wurde:

»viel wird dieser tage über die alliierte vorgehensweise spekuliert. vielleicht auch deshalb, weil relativ einheitliche erwartungen über die irakische strategie bestanden: saddam husseins truppen, hiess es, werden sich in zwei verteidigungsringen um bagdad eingraben und versuchen, bagdad zum stalingrad amerikas zu machen

»eine eroberung bagdads sei unmöglich, falls die alliierten nicht planten, die irakische hauptstadt in schutt und asche zu legen. der zweite weltkrieg – insbesondere die 900 tage dauernde belagerung leningrads – habe gezeigt, dass ein strassenkampf immer zur völligen zerstörung und zu schrecklichen menschlichen verlusten führte. […] eine millionenstadt könne man nicht sichern, invasoren könnten sich höchstens in bestimmten punkten einigeln. […] schon 1870, im deutsch-französischen krieg, habe paris nur deswegen kapituliert, weil sich die französische armee samt ihrem kaiser schon ergeben hatte und die versorgungslage der stadt katastrophal wurde. […] ‘wenn widerstand geleistet wird, ist eine grossstadt prinzipiell nicht einzunehmen.’«
(deutsche top-historiker in telepolis bzw. focus)

»vor der mauer des friedhofs am mehringdamm liegt ein haufen hundescheisse, in den jemand eine kleine amerikanische flagge gesteckt hat