Monatsarchiv für February 2003

 
 

Urbanes Missverständnis

Hörte ich heute beim Ampelabwarten eine junge, vermutlich aufstrebende Person neben mir am verkehrsumtosten Hermannplatz zu ihrer Begleitung sagen, während ein Kohlenlaster mit Ostprignitz-Ruppiner Nummernschild in Radioweckerweite an uns vorüberrollte: »Ich möchte einfach in meiner Wohnung sein und nur die Geräusche hören, die ich selber mache.«

Hertas verwahrloste Kinder

Ein Bild, das grübeln macht, doch: Grübeln über die scheinbar galaktische Ausdehnung ko-demonstrativer Langmut, über den Hinterfotzigkeitsquotienten von Modaladverbien unter juristischer und semantischer Beleuchtung, darüber, ob wer wann warum die zwei Buchstaben da noch hineingemalert hat oder alles genau so fertig war, bevor die Transparentelümmel sich auf ihren gesamtdeutschen Marsch zur Siegessäule begaben. Ach ja, von wegen grösste Demo: Hat Dr. Friede-Freude-Eierkuchen-®-Motte nicht dreimal so viele Mitläufer wie Dr. Thierse, die zusammen dennoch nicht halb so beunruhigend wirken?

Historische Entität

»There is no other director whose work constitutes the history of a (now defunct) country, West Germany, in personal everyday terms.«
Joe Ruffell über Fassbinder, in Klammern die BRD abhakend. So lakonisch habe ich das noch nirgends gelesen, glaube ich. Also sprechen Sie mir nach: Osmanisches Reich, Sowjetunion, Westdeutschland.
Leute wie Baring üben das wohl schon lange, nur klingt’s bei denen immer noch, als verleugneten sie ihre Grossmutter.

Self-delusional

Es geht ihm so gut, er könnte einen Versandhandel für Altersstarrsinn gründen.

Anlautverschleifung

Die unangenehmste Eigenschaft George W. Bushs ist übrigens folgende: Er veranlasst eine beträchtliche Zahl von Menschen, darunter auch einige mir recht gut bekannte und anderes Gesocks, dem ich bis vor kurzem relativ vorbehaltlos das Vermögen zuerkannt hätte zu wissen, wann es genug ist, dazu, mich anlässlich eines Wiedersehens nach wenigstens zweiwöchigem Kontaktunterbruch wie zwanghaft mit der empört bis verbittert vorgetragenen Mitteilung überraschen zu wollen, dass die gegenwärtige US-Regierung ein Haufen von korrupten und skrupellosen Machtmenschen und der Präsident ein fundamentalistischer Dummkopf sei. Hat man sich mindestens drei Wochen nicht gesprochen, pflegt noch der Hinweis auf die zweifelhafte demokratische Legitimation zu folgen.

In solchen Momenten quillt in mir die Klage über diesen evolutionären Pfusch, dass die Durchlässigkeit der menschlichen Gehörgänge keiner Willensanstrengung untertan ist, und ich wünsche mir heimlich, nur noch Menschen wiederzusehen, die sich – jetzt mal so als Beispiel – wie ich an der Art begeistern können, in der der Präsident st-Anlaute zu verschleifen versteht.

George Clooney und die Informationsgesellschaft

Noch mehr als Jonathan Rosenbaum der stets frische Schweissfilm (via Weblog) hat mich allerdings die stets perfekt glattrasierte Brust irritiert. Beim Sehen der rasierten Brust von George Clooney in Solaris schnippte zuweilen eine Erinnerung an die stark behaarte Brust von George Clooney in From Dusk Till Dawn – übrigens ein Film mit ausgezeichnetem Casting – mit den Fingern. Bekanntlich geben aber die vorwitzigen Schüler nicht immer die richtigen Antworten, deshalb wollte ich das überprüfen, bevor ich den George-Clooney-Brustrasurskandal an die Öffentlichkeit zerren würde. Es scheint nur leider im ganzen grossen Internet kein Photo von George Clooneys Brust zu existieren. Nicht ein einziges, verschwommenes, zehn Jahre altes Photo. Immer nur Rollis, T-Shirts und zwei Knöpfe weit geöffnete Hemdkragen.

Steven Soderbergh: Solaris (2002)

George Clooney spielt einen Astronautenpsychiater und schneidet sich in den Finger.

Es gibt eine Menge Gründe, Soderberghs Arbeit interessant zu finden. Sein Tarkovskij-Remake gehört für mich nicht dazu. In einem Interview neulich hat er sich selber ein bisschen darüber aufgeregt, dass alle Welt – und der Filmkritiker besonders – Remakes von vornherein verdächtig finde. Dabei seien doch filmische Wiederaufnahmen nur deshalb so selten, weil Filme, im Unterschied zu Büchern, so teuer in der Herstellung seien. Das fand ich als Begründung so sympathisch handhabbar wie empirisch unsinnig. Egal. Soderberghs Solaris ist nicht deshalb ein sehr mässiger Film, weil er eine (oder zwei, je nachdem) Vorlage hat, sondern weil er nicht viel mehr unternimmt, als ein Plotelement – die Wiederbegegnung Kelvins und seiner Frau (i.e. der Projektion seiner Frau) auf dem Raumschiff – dieser Vorlage herauszunehmen, auf neunzig Minuten aufzublasen und filmästhetisch auf Gegenwart zu polieren. Solaris 2002 ist die schön bebilderte zweite Chance für George Clooney und Natascha McElhone, ihre Beziehung, die aus irgendwelchen nicht näher bezeichneten Gründen auf Erden nicht so recht funktionieren wollte, jetzt richtig nett regressiv-symbiotisch wiederaufzunehmen.

Das kann nicht die Botschaft gewesen sein, aber nach diesen anderthalb Stunden ist man bereit, es dafür zu halten. Langeweile kommt nicht von Länge, doch obwohl nur etwa halb so lang wie Tarkovskijs Film, muss man schon willkürlich von der Filmerzählung ab- und auf Machart, Genrezitate – ist der irdische Dauerregen Lem oder Dick oder Scott? Tarkovskij ist er jedenfalls nicht – oder werkgeschichtliche Einordnung hinsehen, um von Soderberghs Solaris nicht gelangweilt zu werden. Weitestgehend reduziert um die mystisch-metaphysischen Spekulationsangebote, für die man ja Tarkovskij durchaus nicht mögen muss, bleibt kaum mehr als abgeschmackte Beziehungskiste unter etwas merkwürdigen Umständen. Der Soundtrack ist hingegen elektronisch gut und angenehm sparsam.

Während sich so die Ehefrage penetrant in den Vordergrund drängt, leidet der Film zudem besonders an seinen Darstellern. Ich weiss nicht, ob Donatas Banionis seinerzeit in der SU ein Sexsymbol war, aber man darf sich eben nicht wundern, wenn die Leute hinterher beklagen, dass Clooneys Po – entgegen den durch R-Rating geweckten Erwartungen – nur sechs Sekunden lang in der Halbtotalen zu sehen war und sich kaum bewegt hat. McElhones Wangenknochen stehen wie immer sehr dekorativ ins Set, Bondartschuk hatte allerdings daneben auch Ausstrahlung, durch die die von ihrem Ebenbild auf Herrn Kelvin ausgehende Attraktion erst glaubhaft wurde. Jeremy Davies’ Darstellung des vom Wahnsinn angefressenen Snow zeichnet sich überraschenderweise dadurch aus, jeden Satz mit “Yeah…” zu beginnen, einen Arm komisch abgewinkelt zu halten und Unberechenbarkeit zu äugeln, man hätte die Rolle gleich mit Lars Rudolph besetzen können. Ulrich Tukur schliesslich befindet sich in seiner längsten Filmszene von zirka 3 Minuten genau dort, wo er hingehört, nämlich in einem – hier als intergalaktischer Plasmamonitor verkleideten – Fernseher.

Man verzeihe mir die Ungerechtigkeiten gegen im Grunde vorzügliche Schauspieler, ich bin nur nicht restlos glücklich mit dem Casting. Ein triftigerer Vorbehalt immerhin als Einfältigkeiten wie die von z.B. Herrn Schlunz-Olala im Tagesprügel neulich, der den kommerziellen Misserfolg (in den USA von 2400 auf 24 Kopien binnen Monatsfrist, angeblich) als Beleg für irgendetwas hernehmen wollte (im Zweifelsfall für das künstlerische Scheitern). Aber da der Film nun einmal an Tarkovskijs Vorlage gemessen werden wird – was offenbar durchaus im Sinne Soderberghs ist – wird sich zeigen, dass das beunruhigendere, kräftigere, das in vielem interessantere Solaris schon vor dreissig Jahren gedreht worden ist.

(Dank an Ekkehard Knörer für die schöne, dieses hier provozierende Kritik. Vielleicht darf ich mich zu den Leuten zählen, die einfach die Faltung nicht in den Blick bekommen. Besser als nichts.)