Archiv der Kategorie ‘Spätestkapitalismus‘

 
 

Real Wirtschaft

Man sorgt sich soeben sehr um sie, die gedankliche reichsweite Gesamtheit des Strebens, Hebens und Bewegens von Muskel- und Maschinenkraft, Realwirtschaft, duftet es bei dem Wort nicht gleich nach Sauerkraut? Tief in Deutschlands Bauch, wo rumoren Schnitzel und Bier und sind ehrlicher Arbeit die Grundlage. Fort mit euch!, Schwaden des leichensüssen Profitparfüms, mit dem raffgierige Finanztrickser von der Ostküste ihre amerikanischen Geschäfte und uns den realen deutschen Sinn vernebelten. Nur wahrer Arbeit Ertrag (und realistische Dividende) frommt uns, den Schwachen und Minderlöhnern aber werde ein Wohlgefallen am redlich verdienten ergänzenden Lebensunterhalt. Keiner unter uns, darob wachen Jürgen Rüttgers und die EsPeDe, werde zurückgelassen am Wegesrande, so ist das nämlich in einer ächten, wirklichen Ökonomie. Schon Dreijährige lernen hier spielerisch, in der Wissensgesellschaft mitzumachen und mitzugestalten, die Erwachsenen ergreifen die zahllosen Chancen der Chancengesellschaft, die Alten erfreuen sich ihres Alters, immer öfter auch im Mehrgenerationenhaus, und fast alle sind sogar krankenversichert! Es wuselt und stampft und röhrt in den Industrie- und Gewerbegebieten, aus den Schloten erhebt sich majestätisches Watteweiss (rauchgasentschwefelt), und in den Einkaufszonen wird auch bald schon wieder mehr gekauft werden, vor allem feste Schrankwände und noch festere Schuhe. Zum Sonntag aber legen wir den Korrekturstift beiseite und das Asylbewerberleistungsgesetz und den Nirosta-Schraubenschlüssel, es ruhen Ölkanne, Grafikprogramm und Kalkulationssoftware, und dann stossen wir an: Hoch lebe die Realschulewirtschaft!

An ganz realer Wirtschaftsgeschichte wird derweil fortgeschrieben auch in der zweiten Etage am Magdeburger Platz. Was hat der Betriebsrat dagegen, dass die Firma für ambulante Dienstleistungen an sogenannten behinderten Menschen den Stundenlohn für neue Angestellte heruntersetzen wollte? Sagen wir mal, ab ersten Ersten bei respektablem Berufsabschluss von zehn komma etwas auf acht komma soundso, bei sonstewas von neun komma etwas auf sieben komma soundso? Je weniger Lohn, desto Arbeitsplätze, müsst Ihr nur mal die Glotze aufmachen.

Die Firma ist drüben in Charlottenburg beim Amtsgericht als gemeinnütziger Verein registriert, man kann sich sogar unangemeldet die Satzung durchlesen, aber was gemein ist und wem es nützt, das sind so Fragen, die das Arbeitsgericht nichts angehen. Diese Fragen vor Gericht zu stellen, und das ist nur gerecht, ist deshalb auch dem Betriebsrat nicht gestattet. Den Rechtsstaat scheint wesentlich auszumachen, dass die wichtigen Fragen gar nicht gestellt werden können.

Dem Betriebsrat ist aber erlaubt, an einem einheitlichen Gehaltssystem festzuhalten, also der und der Lohn für die und die Tätigkeit im Verhältnis zu den anderen Lohngruppen. Ein einheitliches Gehaltssystem ist nun aber auch nicht entfernt verwandt mit einem Einheitslohn, Sie verstehen. Deshalb kann die Firma einstweilen über hundert Leute einstellen und mit (noch) niedrigerem Lohn arbeiten lassen, und der Betriebsrat kann hundertmal der Eingruppierung nicht zustimmen, und es folgt daraus unmittelbar gar nichts, die neuen Leute arbeiten für weniger und die Firma behält mehr als zuvor, wozu sonst gäbe es das Individualrecht und die Freiheit des Arbeitsvertrags? Wenn der Betriebsrat die Firmenchefs dann endlich nach über einem halben Jahr zu Gericht sich zu bequemen gezwungen hat, wird dort über die Höhe dessen, was die Firma ihren Angestellten gewährt, trotzdem nicht gesprochen. Das Gericht gibt dem Anwalt der Firma zu verstehen, dass die Firma nur einen kleinen Fehler gemacht habe: Bei den neuen Einstellungen alle Lohngruppen um soundsoviel Prozent herunterzusetzen, das wäre betriebsverfassungsrechtlich voll in Ordnung gegangen. Über die absolute Höhe der Bezahlung hat der Betriebsrat ja nicht mitzubestimmen, nur darüber, was eine Lohngruppe konstituiert und wie die Bezahlung der jeweiligen Lohngruppen zueinander sich verhält. Hier hat der sogenannte Arbeitgeber aber die eine Lohngruppe um sechzehn komma nochwas Prozent abgesenkt, die andere hingegen um siebzehn komma nochwas. Also ungleichmäßig. Wenn aber die Ausbeutung ungleichmäßig verschärft wird, dann findet das Arbeitsgericht die Vermutung begründet, es sei ein neues Entlohnungssystem eingeführt worden. Darüber hat ein Betriebsrat mitzubestimmen, woraus aber nicht unbedingt erhellt, warum die einen die Mitbestimmung für eine historische Errungenschaft und die anderen sie für eine geschichtliche Torheit halten, wenn in ihr über Geld nicht eigentlich gesprochen werden darf.

Das Gericht schickt Klägerin und Beklagte schliesslich nach kurzer Besprechung im Gerichtskorridor heim, sich nachträglich auf einen einheitlichen Prozentsatz der Lohnsenkung zu einigen. So wird das Unrecht nach Ablauf eines Jahres vorläufig aus der Welt geschafft werden. Die Firma kann das Spiel selbstverständlich so lange und so oft wiederholen, bis sie die Lust verliert oder niemanden mehr findet, der für den gebotenen Lohn die Arbeit zu ihrer Zufriedenheit verrichten will.

Heute aber haben alle gewonnen, fast als wäre noch beim Kammertermin gelungen, was gütliche Einigung genannt wird. Der Betriebsrat hat nichts erreicht, aber Recht bekommen. Die Firma hat Unrecht gehabt, aber keine Einbussen, abgesehen von die Kosten des Betriebsrats trägt der Arbeitgeber. Es sei denn, unter den neuen Angestellten fände sich jemand, der aus heutiger Verhandlung die (individualrechtliche) Empfehlung ableitete, die Einholung der entgangenen Lohndifferenz mithilfe des Arbeitsgerichts zu versuchen. Die Praxis scheint aber zu lehren, dass der Gebrauch des Rechts sehr zurückhaltend gehandhabt wird, wo der Arbeitsvertrag, wie inzwischen bei neuen Verträgen die Regel, ein Verfallsdatum trägt. Für die übrigen heute Anwesenden ist das Resultat jedoch auch das angenehmste, die Anwälte verdienen an solchen Angelegenheiten nämlich eher wenig, ihr Interesse scheint beinahe so gering wie das der Richter, einen der umständlichst zu formulierenden Beschlüsse ausfertigen zu müssen.

Es bleiben nur über hundert seit dem ersten Ersten eingestellte Leute, die für die gleiche Arbeit womöglich dreihundertfünfzig im Monat weniger bekommen haben und bekommen werden als ihre Kollegen. Sie mögen dankbar sein, dass sie, vom Rechtsstaat beschützt, aufrechten Ganges ihr Brot verdienen dürfen, und hoffen, dass die Realwirtschaft weiterhin so störungsfrei funktioniert wie heute hier, in der zweiten Etage am Magdeburger Platz.

Stehlampenkrise

Bei Ansichtigwerden einer Leuchtenabteilung immer noch jedesmal die angebliche Spottbezeichnung für den Palast dem geistigen Ohre vorsprechen müssen. Hat vielleicht damit zu tun, dass der allgemein zugängliche Kapitalismus es auch in achtzehn Jahren nicht geschafft zu haben scheint, neue Modelle von annehmbarer Erscheinung hervorzubringen, die nicht mehr mit zweihundertsechzig Grad heissen Gaszäpfchen betrieben werden. Die Halogenlampe, das SUV unter den Leuchtmitteln.

Projektenmacher

Aufgabe: Drehen Sie dem Rat einer ostdeutschen Kleinstadt die Idee einer bis zu 600 Meter hohen Pyramide aus Urnen an.

Argumentationshilfen: »Kunst«, »Tradition«, »Wirtschaft«, »Arbeitsplätze«, »Globalität«.

Hypocritical Oath oder Sprechen Sie Biopolitik?

BÄK: Ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung ist krank und muss behandelt werden (… bei entsprechenden vergütungsrechtlichen Rahmenbedingungen).

Turnen habe ich sowieso immer gehasst

Der Aufschwung also. Wenn im Prinzip alles bleibt wie es gewesen, aber die Leute sich wieder trauen, eine Waschmaschine zu bestellen, weil ihnen einer eine Anstellung gegeben hat, wo sie alles in allem zehn Prozent weniger herauskriegen, als sie vor zwanzig Jahren bekommen hätten.

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Entrepreneurism oder Reden wir lieber übers Geldverdienenmüssen

Rezente Äusserungen zweier geschätzter Köpfe über Weblogs unter dem Aspekt des Geldverdienenmüssens:
Lovink

Anstatt die Qualität der Produktion und die Kultur des Schreibens, Tagebuchführens und der Reflexion ins Zentrum zu stellen, sind Blogs in einen gnadenlosen Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit geraten, die an der Zahl der Links und »Freunde« gemessen wird. Die Blog-Software hat Millionen Nutzern weltweit eine einfach zu bedienende Publikationsmöglichkeit an die Hand gegeben und so die »Vermassung« des Internet gefördert.

Doch schon 2005 wurde die Blogsphäre von einer maßlosen Überhitzung erfasst. Die nächste Welle des Netz-Chauvinismus rollte an. Die Blogs verloren ihren locker-hedonistischen Zug und die ersten begannen, sich nach etwas anderem umzusehen. Der sarkastische Unterton vieler Postings verschwand und machte einer glatten Selbstvermarktung Platz, die gemeinsame Bestimmung von Nachrichtenthemen, wie während der Wahlkampagne von Howard Dean 2003, wurde von einem prekären Blogging nach dem Motto »How To Make Money With Your Blog« abgelöst.

Diederichsen

Das ist Unternehmertum, das interessiert mich nicht. Mich interessiert nur das Schreiben. Okay, wenn jemand anderes so ein Popblog organisiert und sich um die Finanzierung kümmert, dann schreibe ich das gerne voll.

Wer das Geldverdienenmüssen ausserhalb ihres Internettagebuchs hinbekommt, wird vom Affekt gegen die Kommerzialisierung des persönlichen Publizierens vielleicht gern lesen – solange sie übrigens die geläufige, jedoch irreführende Subsumierung von allem Möglichen unter dem Begriff Blogosphäre nachvollzieht. Es wird ja bislang so getan, als hätten halbanonym erzählte Idiosynkrasien und wissenschaftliche Kollektivnotizbücher mit fortlaufend betexteten Onlinevisitenkarten und manch seltsamer Hervorbringung viralen Marketings mehr gemein als die technische Form. Das ist, kommt mir vor, so, als würde man Demoaufrufe und Flugblätter ablehnen, weil auch die Konzernpresse auf Papier drucken lässt.

Wohin der Lovink zum Thema Geldverdienenmüssen und Weblogs geht, ist anhand der Einleitung noch nicht klar, verspricht aber vergleichsweise hellsichtig zu werden. Wenn Sie mich fragen: Ein Weblog, das ganz oder teilweise wegen des Geldverdienenmüssens gemacht wird, bleibt von diesem Zusammenhang nicht unbeschädigt, und ist deshalb im Grunde genauso unangenehm und dubios wie die übrige Medienlandschaft, sogar wenn dort ab und zu ein (einstweilen hoffentlich gut bezahlter) Diederichsenaufsatz drinsteht. Es gibt noch hunderte andere Dinge, Tätigkeiten, Verrichtungen, Zwecke, derer eine Gesellschaft, die etwas auf sich hält, bedarf. Im Sinne der Agenturen, Contentdealer und Rechteverwerter, deren Weltsicht jetzt für ein paar anscheinend zuendegehende Jahrzehnte diskursives Oberwasser hatte, werden diese Dinge immer sinnlos bleiben. Warum sollten nicht auch ein paar Weblogs darunter sein? Ob man mit Weblogs Geld verdienen könnte, kann mir, bei allem relativen, eben auch materiellen Unbehagen, momentan egal sein – ich wünschte, es würde wieder mehr übers Geldverdienenmüssen nachgedacht.