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The Olympics

…are not your friend

James Cameron: Titanic (1997)

Neulich war wieder zu besichtigen: Eine tödliche Havarie wird gezeugt, wo die Hybris der Technikbeherrschung mit der Betriebswirtschaft eine Verbindung eingeht. Der Unfall (die Todesfälle erst recht) war vermeidbar wie eine Kreuzfahrt, gab aber den Anlass, die 1997er Titanic erstmalig zu sichten. Art und Intensität der zeitgenössischen Rezeption haben seinerzeit von einem Kinobesuch abgehalten.

Eine Beobachtung vom Anfang, eine vom Ende: Fünfzehn Jahre später wirkt Camerons Schiff in der Totalen schon sehr flächig. Die Titanic aus der Computergrafik ist besser als die Pappmodelle aus früheren Stadien der Tricktechnik, im Kino von 2012 wäre sie aber kaum noch schwimmfähig. Kathy Bates bewährt sich, hier wie andernorts, als Nebenfigur mit Zuständigkeit für aufklärerischen Humor und ungebügelte Herzlichkeit. Aber beim finalen Streit um zweckmäßigen Einsatz der Rettungsbootkapazitäten wird ihrer Amerikanerin von den englischen Matrosen geradezu das Maul gestopft. Da gelingt es Cameron, der Beglaubigung der existentiellen Not zupass, sie uns als Bleeding-Heart Liberal hinzustellen. Man ist überrascht, dies – Einfühlung, zack! – unmittelbar als lebensgefährliche Disposition zu erkennen und den namenlosen, rücksichtslos utilitaristisch agierenden Matrosen den Vorzug zu geben vor der generischen Kathy Bates-Figur.

Mit der Rahmenerzählung um die Hightech-Suche nach dem ebenso hässlichen wie wertvollen Diamanten, der im Wrack vermutet wird, legt Cameron der Zuschauerin eine selbstgefällige Distanz zur Hybris von 1912 nahe. Sogleich ironisiert wird diese Haltung wiederum durch den Umstand, dass den zu nerdiger Eitelkeit neigenden Schatzsuchern kein Erfolg beschieden ist. In einer Szene gegen Ende wird uns gar vertraulich mitgeteilt, dass das Vorhaben von Anfang an vergeblich war. Der doppelt distanzierende Rahmen soll der bombastischen Materialschlacht einer Detailtreue behauptenden Untergangs-Inszenierung einen erzählerischen Überlebens-Sinn stiften. Und den zwischendurch freimütig ausgeteilten Kitsch um Rose und Jack genießbarer machen!

Letzteres wird freilich schwer. Die stereotype Darstellung der Klassengegensätze – die Mitreisenden oben sind allesamt entweder schrullig, verträumt, blasiert und herablassend oder alles zusammen, die unten sind allesamt kernig-sympathisch und können außerdem gut tanzen! – macht die zwanglose Anbahnung und den doch recht reibungsfreien Vortrieb der Lovestory so unwahrscheinlich, dass man den Eisberg bald kaum noch erwarten kann. Allerdings bietet Billy Zane einen noch unwahrscheinlicheren Bräutigam als restlos widerlichen Schnösel auf. Man begreift angesichts dieser Unwahrscheinlichkeit nachträglich die besondere Resonanz, die der Film damals bei jüngeren Frauen mit geringerer formaler Bildung gefunden haben soll, für die die Ehe (oder etwas in der Art) als Versorgungsinstitut eine wahrscheinliche Zukunft war: Die Schiffskatastrophe im Nordatlantik beendet nicht nur das erregend-sentimentale Liebesabenteuer, sie ist auch der Ausweg aus der (arrangierten/Zwangs-/Vernunft-) Ehe mit einem unsympathischen, brutalen Kerl und Beinahe-Ehrenmörder. Welch süßer Schauder, welche Möglichkeiten!

2012.006

Hier und da durchaus anzutreffen ist die Auseinandersetzung mit Ideologie und sozialen Folgen des rassistischen (vorwiegend antimuslimisch imprägnierten) deutschen Mainstreams. Am öffentlichen Auftreten desselben, von regierungsamtlichen Verlautbarungen bis hin zu Kommentaren im Internet, ist ohnehin kein Mangel, er wird jedoch selten am konkreten Fall gut verständlich rekonstruiert. Was es weniger zu geben scheint, ist die Dokumentation der Erscheinungsformen dieses Mainstreams in alltäglichen Interaktionen. Entlang der Frage: Wie wird ein beständig mitgeführtes Deutungsmuster, das es zum Beispiel gestattet, manche Menschen (qua konstruierter Gruppenzugehörigkeit) als minderwertig, lästig, bedrohlich usw. wahrzunehmen, situativ in Gesten, Handlungen und Sprache übertragen. Da läse man vielleicht Berichte wie den folgenden von B.:

Es ist der 8. März, Weltfrauentag, vor ein paar Jahren. In einem Schöneberger Supermarkt bekommt jede Kundin hinter der Kasse eine Schnittblume geschenkt. Als B. ihren Einkauf bezahlt hat und mit der Blume dran wäre, zögert die Beauftragte zuerst. Schließlich gibt sie B. eine Blume in die ausgestreckte Hand. Dazu stellt sie jedoch eine Frage, die sie der Kundin davor nicht gestellt hat: Ob B. denn eigentlich wisse, weswegen sie die Blume bekomme…

B. gelingt, was bei vergleichbaren Anlässen – wie sie bedauert – oft nicht parat ist. Eine schlagfertige Antwort, die die – ihr häufig begegnende – Antizipation widerspiegelt, sie wäre eine gesellschaftlich-politisch ahnungslose Frau mit reduziertem sprachlichen Vermögen. Zugleich karikiert die Antwort die in der Frauentags-Blumengabe enthaltene Universalitäts-Behauptung, deren Leere die Angestellte mit ihrem willkürlich exkludierenden, herabsetzenden Verhalten soeben nachdrücklich bewiesen hat: “Du F*tze – ich F*tze!”